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Evangelische Kirchengemeinde Werden

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Auf dem CAMINO in Frankreich von Cluny nach Le-Puy-en-Velay

Eigentlich will ich in diesem Jahr gar nicht mehr! Aber meine Frau sagt: “.. alles kein Problem! Der Weg ist das Ziel.” (soll auch schon Konfuzius gesagt haben). So sitze ich dann montags im September doch schon wieder im Linienbus von Essen Hauptbahnhof nach Frankreich. Die ganze Nacht über fährt der Bus. Und morgens um sieben Uhr stehe ich auf dem Vorplatz vom Bahnhof Perrache in Lyon.

Die Wettervorhersage ist gut. Man hat für diese Region für die nächsten 16 Tage keinen Dauerregen angekündigt. Sie hat rückblickend Recht behalten. Nur 90 Minuten Regen in neun Tagen für eine Wanderung auf dem Jakobsweg. Das lässt sich aushalten!

Wo der Weg das Ziel ist.

Jetzt muss ich aber erst wieder meinen Jakobsweg zwischen der Stadt Cluny und der Stadt Le-Puy-en-Velay erreichen. Zwei Etappen war ich in den letzten Jahren schon gewandert. Also zurück vom Bahnhofsvorplatz in den Bahnhof. Zugfahrkarte zur Stadt Roanne an der Loire besorgen. Von Roanne aus sind es dann noch 12 Kilometer um an die Stelle auf dem Camino (spanisch: Weg, Jakobsweg) zu gelangen, an der ich im letzten Jahr meine Wanderung unterbrochen hatte. Mit dem Taxi. .. aber nicht weiter sagen!

Das Ziel ist das Ziel.

Im Ort Saint-Jean-Saint-Maurice (warum so komplizierte Namen?) angekommen (mit Taxi, s.o.!) sind es an diesem Tag nur noch wenige Kilometer zu wandern bis zu meiner ersten Herberge (‚Gîte’ in Französisch) auf meinem insgesamt 150 km langen Weg bis zum Endziel in diesem Jahr: Le-Puy-en-Velay.

Die Muschel ist mein Wegweiser.

Meine erste Herberge erreiche ich am Nachmittag. Die Herberge “L’Eau du Puits” kenne ich schon vom letzten Jahr. Nathalie und Dominique führen diese empfehlenswerte Herberge. Die beiden begrüßen mich schon auf dem Innenhof des Bauernhofes mit einem kühlen Glas Bier. Das nenne ich Gastfreundschaft. In dem 6 Betten-Wandererzimmer kann ich mich ausbreiten. Denn ich bin alleine und werde es hier und (, wie ich am Ende der Wanderung weiß,) auch in allen weiteren Unterkünften sein. Am Abend bekomme ich von Nathalie ein hervorragendes drei-Gänge-Abend-Menue und eine Karaffe Wein (ich komme mir vor wie ein König in Frankreich). Danach kann man super schlafen!!

Aber um viertel vor sieben am Morgen schellt schon mein Wecker. Aufstehen, waschen und frühstücken. Le petit déjeuner (Frühstück) mit allem was das Herz begehrt. Ich muss um acht Uhr aus dem Haus sein, da auch Nathalie und Dominique um diese Zeit ihren Hof verlassen müssen.

Für meinen Rucksack (10 kg) und mich heißt es nun:

Auch die längste Wanderung beginnt mit dem ersten Schritt.

Noch einmal schummele ich ein wenig. Dominique nimmt mich ein Stück mit dem Auto, auf seinem Weg zur Arbeit, mit. Über den Ort Pommiers-en-Foret mit seinen mächtigen Klosterbauten, Kreuzgang, Stadtmauer (aus dem 14. Jahrhundert) und der römischen Brücke über den Aix, geht es heute über 20 km in Richtung Süden bis zu meinem Tagesziel dem Ort Montverdun. Der Camino (spanisch ‚Weg’, gemeint der Weg nach Santiago de Compostela) ist mit der Jakobsmuschel hervorragend markiert. Noch bevor ich den Ort erreiche, sehe ich die romantischen Klosterburg auf der Basaltkuppe. Die Einwohner des Ortes nennen sie schlicht: ‚Pic’. Dort befindet sich auch meine Unterkunft für diese Nacht.

Mein Ziel ist der Weg.

Das Größte ist: Die Gîte (Herberge) gehört mit der Burg, der Kirche, dem Kloster in wenigen Stunden mir. Ich bin der Burgherr. Ich habe die Schlüsselgewalt! Aber vorher muss ich noch bei der Dame im Informationsbüro (in der Burg) meine Übernachtung zahlen und bekomme auch den Pilgerweg-Stempel. Hier erhalte ich auch eine ausführliche Einweisung in mein erwartetes Burg-Verhalten. Schlafraum, Waschraum mit Dusche und Toilette, Kirche, Küche und Schlüsselverwendung. Dieser (der Schlüssel) muss am Morgen in den Briefkasten der > Les Amis du Pic < eingeworfen werden. Heute Nacht bin ich, wie schon vorher gesagt, wieder ganz alleine.

Der Weg beginnt vor deiner Tür.

Die super-freundliche (zum Glück auch englisch sprechende) Dame vom Informationsbüro frage ich, wo es im Ort etwas zu Essen zu kaufen gibt. “In dem Orts-Gasthaus! Aber das hat heute, mittwochs, geschlossen!” Und sonst? “In der Bäckerei, aber die hat mittwochs (heute ist Mittwoch!!) geschlossen!” Aber es wäre keine französische Herberge, wenn es keine Lösung gäbe. Sie öffnet ihren Vorratsschrank mit verpackten Fertiggerichten, Wein und Brot. So brauchte ich an diesem Abend doch nicht am Hungertuch nagen. Auch das Tablett für das Frühstück zieht sie aus dem Schrank. Nur den Kaffee muss ich mir am nächsten Morgen noch selber kochen. In der großen Küche.

Das Ziel ist der Weg, aber manchmal ist der Weg im Weg.

Vorher bin ich aber noch der Burgherr. Um in der Nacht zum Waschraum oder zur Toilette zu kommen, musste ich mein Schlafverließ aufschließen, über den mondbeschienenen (oder kam das Licht von einer Laterne?) Burghof gehen (Burggeister hinter jeder Ecke?). Dann wieder zurück und schnell zuschließen!! …

Wo das Ziel das Ziel ist

Nach dem Frühstück verlasse ich den ‚ Pic’ wieder. Mein selbst gemachter Kaffee hat herrlich gemundet. Schlüssel in den Briefkasten. Erledigt. Es geht weiter nach Süden. Ich komme aus der Ebene des Forez wieder in den bergigen Teil der historischen Grafschaft , in die Monts de Forez. Von hier sind die Weine Côtes du Forez. Die Weintrauben, die ich mir -als Pilger- von den Weinstöcken nehmen darf (hat mir mal ein spanischer Winzer gesagt), schmecken vorzüglich.

Heute sind es 17 km bis zum meinem Etappenziel, der Stadt Montbrison aus dem 11. Jahrhundert. Im städtischen Informationsbüro bekomme ich die Auskunft für ein einfaches Hotel in der Stadt. Das schlichte Hotel war ausreichend gut, das 3-Gänge-Abend-Menü dann wieder exzellent.

Der Weg ist Ziel,

aber manchmal ist der Weg weg.

Heute sollen es 27 km werden (meine Fußblasen horchen auf!), aber Dank zweier französischer Wanderer, die einzigen die ich auf dem gesamten Weg treffe, werden es nur 22. Heute stößt der Jakobsweg auf die Via Bolena, einen Weg, den die Kelten schon angelegt haben sollen. Die Römer bezogen diesen Weg später in die Via Appia (von Lyon nach Toulouse) ein.

18 km liegen heute schon hinter mir. Es ist heiß. Der Schweiß läuft. Da sehe ich zwei Wanderer mit kleinem Rucksack vor mir. Schnell hole ich sie ein. Es ist ein französisches Ehepaar, das eine organisierte Wanderung auf und am Jakobsweg machte. Das größere Gepäck wird tagsüber zum vorgebuchten Ziel mit einem Auto gebracht. Sie erklären mir in französisch-englisch, dass es heute bis 30° C warm war (daher mein Schweiß!) und dass sie heute bis zum Ort Marols wandern würden. Dort sei ihre Herberge gebucht. Ich solle doch auch dort anrufen und buchen. Anrufen will ich nicht, aber dem Gedanken, jetzt schon nach 4 km eine Herberge aufzusuchen, kann ich was abgewinnen. Also sage ich den beiden, dass wir uns nachher in Marols in dem Gîte treffen würden.

Wo ist der Weg, wenn der Weg weg ist?

Aber wie enttäuscht bin ich, als mir die nette freundliche Herbergsmutter, mit Namen Jo (Josiane), erklärt, dass sie kein Bett mehr frei habe. – Jakobsweg -. Aber sie macht mir dann doch noch Hoffnung. Sie erwarte gleich noch eine Reisegruppe mit fünf Personen für drei Zimmer.  Die sollen zusammenrücken und mir ein Zimmer überlassen!! Aber nach zwei Stunden ist die Gruppe immer noch nicht eingetroffen. Ich hätte zur nächsten Herberge noch 5 km (1,5 Stunden) gebraucht und die Dämmerung bricht an. Jo beruhigt mich mit Tee und Bier: “Es ist alles ganz einfach!!” (sagt meine Frau auch immer). Und tatsächlich: Die Reisegruppe rückt für diese Nacht zusammen und ich habe ein eigenes Zimmer mit Bett in diesem liebevoll restaurierten Haus. Das Abendessen schmeckt heute mal wieder, wie hätte es bei dieser Wandergruppe anders sein sollen, hervorragend!

Wo ist der Weg, wenn der Weg weg ist?

Nach meinem Aufbruch am nächsten Morgen aus diesem wunderschönen und sehenswerten Ort Marol schlage ich die falsche Richtung ein. Es geht steil bergan. Außer Puste halte ich an. Wo ist die Muschel? Ich bemerke meinen Irrtum und haste wieder bergab, um die verlorene Zeit wieder einzulaufen. “Wie geht das, Zeit verlieren?”, frage ich mich. Egal, bei 25 km Strecke relativiert sich das, sagen meine Blasen und meine Beine. Meine nächste Herberge habe ich in dem Ort Jouanzecq (typisch französischer Name!?) ausgesucht. Der Jakobsweg wechselt  jetzt auf die römische Militärstrasse ‚Chemin de Cesar’-‚Weg des Cesar‘. Die ersten sechs Kilometer sind steil wie die Strasse Viehauser Berg in Werden. Nur der Viehauser Berg ist nicht voll mit dicken Stolpersteinen und er ist vergleichsweise kurz!!

Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.

Nach gefühlten vielen Stunden erreiche ich doch die Höhe. Und nach vielen weiteren Stunden treffe ich dann das französische Wander-Ehepaar, kurz vor dem Ort Jouanzecq mit der Herberge Myrtilles. Die Gastgeber der Herberge sind bei unserer Ankunft noch nicht anwesend, aber sie haben auf einem Zettel, der an der Tür hängt, uns die Zimmer zugewiesen. Nach einem Super-Abendessen mit Wein ist wieder gut schlafen angesagt.

Mein Ziel ist der Weg

Der nächste Tag sieht düster aus. Und es regnet. Aber, wie schon vorher gesagt: nach 90 Minuten hört es wieder auf. Über 30 km wollen gewandert werden. Aber mit zwei geplanten Pausen sollte das wohl gehen. Aber wo Pause machen, wenn nichts da ist zum Pause machen. Die Orte, die ich tangiere, haben kein Restaurant oder keine Bar. In den Schaufenstern der Bäckerei (Boulanger) und der Metzgerei (Boucher), die ich sehe, kleben die Mitteilungen: “Á vendre!”, “Zu verkaufen!” (.. nämlich das Geschäft!).  - “Also weiter!” “ E ultrea, e suseia!” (wie die alten Pilger sich zuriefen!). Nach acht Stunden Wanderung am Stück (über 30 km!) erreiche ich dann doch die Herberge (“Gîte d’étap La Bergerie”) in dem Dorf Le Cros.

Wo ist das Ziel, wenn der Weg weg ist?

Die Tür der Herberge ist offen. Ich gehe hinein. Die Gästebetreuer sind nicht da und kommen auch die nächsten Stunden nicht. Also richtete ich mich in einem 2-Bett-Zimmer ein, dusche, pflege meine Füße (sie lassen es gerne zu) und schreibe in meinem Tagebuch.

Als die Herbergs-Mutter am Abend das Abendessen hereinbringt (Brot, Käse und Wein) bin ich zuerst doch sehr enttäuscht (da auch sehr hungrig) über die kleine Portion. Doch es ist zum Glück nur die Vorspeise! Ich freue mich dann umso mehr über die große Terrine mit den Käse-überbackenen Kartoffeln und Fleisch (“Baby of a Cow”, wie sie mir liebevoll in Englisch erläutert). Der Tag und der Abend sind gerettet. Die Terrine kann ich nicht leer essen. Meine Enttäuschung ist verflogen und satt strecke ich mich im Bett aus.

Wo der Weg der Weg ist.

Am nächsten Tag erreiche ich dann, nach einer gefühlten winzigen Etappe von 18 km, mein mir vorgenommenes Ziel für diese Wanderung - die Stadt Le-Puy-en-Velay.

Die Stadt Le-Puy-En-Velay liegt im südlichen Zentralmassiv auf einer Höhe von etwa 600 m. Die drei Basaltkuppen (Puys, Vulkanschlote) sind der Blickfang dieser bemerkenswerten Stadt. Auf der Spitze einer dieser Kuppen steht die Kirche Saint-Michel d‘Aiguilhe, Heiliger Michael auf der Nadel. In römischer Zeit hatte hier ein Tempel gestanden. Dort wurde dann im 10. Jahrhundert die erste christliche Kapelle errichtet wurde. Die einhundert Jahre später errichtete größere Kapelle nimmt die gesamte Gipfelfläche ein und passt sich der natürlichen Form des Felsens an.

Auf der Spitze eines anderen Vulkanschlotes steht die Statue der Notre-Dame de la France. Sie ist 16 Meter hoch und wurde aus dem Metall von Beute-Kanonen aus dem Krimkrieg bei Sewastopol gegossen. Später dann rosa(!) angestrichen.

Die in der Stadtmitte, am Fuße eines Vulkankegels, erbaute Kathedrale von Le-Puy-en-Velay gehört heute zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Nach einer Übernachtung hier in Le-Puy, in einer wunderbar rustikalen Herberge, geht es jetzt wieder mit der Bahn zur 135 km entfernten Stadt Lyon zurück, um von dort meine Bus-Rückreise nach Werden anzutreten. Vorher besichtige ich aber noch die Schokoladenfabrik Richart, die heute unserem ehemaligen französischen Austauschschüler Gautier gehört. Er war einige Male in unserer Familie zu Gast. Gautier erinnert sich gerne zurück an seine Zeit in Werden und an den Unterricht Gymnasium-Werden.

So geht meine Wanderung auch auf diesem Abschnitt des Jakobsweges gut zu Ende. Aber ich werde weiter wandern! Wenn ich kann!

Mein Auge sieht tausend Wege,

aber gehen kann ich nur einen.

 

Harald Müller