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 Predigt über Lukas 23, 33-49 (Pfarrer Oliver Ruoß; Karfreitag 2017)

An einer Stelle in unserer Kirche werden wir das ganze Jahr über an Karfreitag erinnert: Am Antependium, das hier am Pult hängt, und das nicht wie die anderen Antependien an der Kanzel und am Altar je nach Kirchenjahreszeit verändert wird. Dieses hier ist schwarz, die Farbe der Trauer, des Todes, der Verzweifelung. Das Schwarz symbolisiert die Trauer über das Leiden und Sterben Jesu. Es symbolisiert auch die Trauer über unser menschliches Leiden und Sterben. Und es symbolisiert die Dunkelheit der menschlichen Schuld, die dazu geführt hat, dass dieser Gerechte, dieser Unschuldige sterben musste. Auf dem schwarzen Hintergrund in glänzendem Gold das Kreuz. Am Karfreitag gehört beides zusammen: Das Schwarz und das Gold. Das Dunkle, die Trauer, das intensive Wahrnehmen von Leid und Tod. Aber auch das Helle, das Heilvolle, die Hoffnung: Weil wir in unserer Schuld, in unserm Leiden und Sterben nicht allein sind. Weil der Sohn Gottes in unser Leiden und Sterben hineingekommen ist. Als Predigttext lese ich den Bericht des Lukas über Jesu Sterben. Lk 23, 33-49.

Dieser Text kommt mir vor wie ein großes Passionsbild, in dem Lukas das Geschehen von Karfreitag in vielen Einzelszenen darstellt und deutet. Das ganze Gemälde ist viel zu reich für eine Predigt. Ich greife zwei Szenen heraus, die beiden, die mich am stärksten bewegt haben.

Als erstes: “Denn sie wissen nicht, was sie tun“

Der Schriftsteller Willy Kramp schildert in seinem Buch “Brüder und Knechte“ eine Szene aus dem 2. Weltkrieg: Beim Marsch in ein Gefangenenlager in Russland macht eine Gruppe deutscher Soldaten in einer Scheune Rast. Einer von ihnen ist schwerverwundet. Die Kameraden merken, dass der es nicht mehr lange machen wird. Erwartungsvoll, ja gierig gucken die Soldaten auf die Stiefel des Todgeweihten, die noch ganz brauchbar sind. Wie die Soldaten unter dem Kreuz sind auch sie hier nur darauf aus, die Kleider unter sich zu verteilen. Der Sterbende spürt die gierigen Blicke. Und bevor er stirbt, sagt er mit letzter Kraft noch zwei Worte zu seinen Kameraden: “Ihr Hunde“. Der Hass auf die Kameraden, die ihn im Stich lassen und nur noch an die guten Stiefel denken, dieser Hass ist verständlich. Und doch ist es erschütternd, wenn die letzten Worte eines Menschen ein Fluch sind.

Eines der letzten Worte auf den Lippen Jesu ist sein Gebet um Vergebung: “Vater, vergib ihnen – den Anklägern, den Richtern, den Folterknechten, den Spöttern, den Gaffern, denen, die gleichgültig zur Seite schauen, wenn sie Ungerechtigkeit bemerken, – Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Wenn ich mit Konfirmanden über das Wort von Jesus gesprochen habe “Liebet eure Feinde“ - dann stößt dieses Wort meist auf ziemliches Unverständnis: Die Feinde lieben, Böses mit Gutem vergelten – das widerspricht unserem normalen Denken und Empfinden. “Ihr Hunde“ ist irgendwie normaler als “Vater, vergib ihnen“.

Jesus bittet am Kreuz für seine Feinde, für Mörder und Folterknechte und Spötter. Und an dieser Stelle wird deutlich: Jesus hat das Gebot der Feindesliebe selbst ganz konsequent umgesetzt. Feindesliebe und Vergeben sind Eigenschaften Jesu. Und an Jesus können wir ablesen: Feindesliebe, Vergeben, sind Eigenschaften Gottes. Das Kreuz, der Justizmord an Jesus ist das deutlichste Zeichen für menschliche Schuld: Dafür, wie wir Menschen andere verletzen. Dafür, wie wir Jesus und Gott ablehnen und aus unserem Leben herausdrängen – damals und heute. Das Kreuz ist das deutlichste Zeichen menschlicher Schuld. Aber zugleich ist das Kreuz der Ort und das deutlichste Zeichen der Vergebung. Jesus reagiert auf Ablehnung, Spott und Feindschaft nicht mit “Ihr Hunde“, er ruft nicht Gottes Gericht herab. Sondern er vergibt. Und so ist das Kreuz deutliches Zeichen von Gottes Liebe und Vergebung.

“Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

“Denn sie wissen nicht, was sie tun“ - dieser Satz hat Sprichwortcharakter bekommen, sogar ein Hollywood-Film heißt so. Aber stimmt dieser Satz? Wissen die korrupten Richter, die Verleumder, die Spötter, die Folterknechte, die Gleichgültigen damals und heute wirklich nicht, was sie tun? Wissen die Schlächter von der ISIS, wissen Assad und Kim Jong Un wirklich nicht, was sie tun? Wissen wir, die wir doch die Sieger und Profiteure des Weltwirtschaftssystems sind, die wir mit unserem Lebensstil massiv zur Zerstörung der Schöpfung beitragen, wissen wir wirklich nicht, was wir tun?

Wenn ein Mensch wegen eines Verbrechens angeklagt wird und die Beweislage eindeutig ist, dann ist es eine beliebte Taktik der Anwälte, auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren: Der Angeklagte ist unschuldig, er wusste gar nicht, was er da getan hat. Manchmal stimmt das ja auch, aber manchmal ist das auch nur eine billige Ausrede, durch die man sich aus der Verantwortung stiehlt.

“Denn sie wissen nicht, was sie tun“, das ist bei Jesus keine Entschuldigung für das Unrecht, das die Menschen tun. Wenn sich die Menschen mit Unwissenheit und Unzurechnungsfähig-keit entschuldigen könnte, dann wäre ja gar keine Vergebung der Schuld nötig.

Nein, wir Menschen sind sehr wohl verantwortlich für die Schuld, für das Unrecht, die Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit, in der wir leben. Jesu Wort “Sie wissen nicht, was sie tun“, dieses Wort macht für mich etwas anderes deutlich: Wir Menschen sind oft so ungerecht und lieblos, weil wir etwas ganz Entscheidendes nicht wissen: Vielleicht, weil wir es nie gehört haben, vielleicht, weil wir es nicht beachtet oder vergessen haben

oder nicht glauben können oder wollen: Wir sind oft lieblos, weil wir nicht wissen, dass wir selbst unendlich geliebt sind. Wir setzen andere in ihrer Würde und in ihrem Wert herab, weil wir nicht wissen, wie wertvoll wir selbst sind. Wir sind egoistisch, weil wir uns nicht genug geliebt wissen. Wir denken oder sagen “Ihr Hunde“, weil wir selbst nichts von Gottes Vergebung wissen.

Am Kreuz zeigt sich die Liebe Gottes und seine Vergebung. Wenn ich davon weiß, nicht nur im Verstand, sondern vor allem im Herzen, - im Verstand wissen wir es ja sogar oft: Wenn ich in meinem Herzen weiß: Ich bin geliebt, ich bin wertvoll, ich muss nicht von meiner Leistung leben, sondern von Gnade und Vergebung – wenn ich das weiß, dann weiß ich auch, was im Umgang mit meinen Mitmenschen zu tun ist.

König Ludwig IX von Frankreich aus dem 13. Jahrhundert kam schon mit 12 Jahren auf den Thron. Einige Adelige erhoben sich gegen ihn, weil sie meinten, mit dem Zwölfjährigen leichtes Spiel zu haben und selbst die Macht an sich reißen zu können. Aber der Aufstand wurde niedergeschlagen, die aufständischen Adeligen flohen ins Ausland. Sie hatten gehört: König Ludwig hatte eine Liste angefertigt, auf der die Namen der Leute standen, die ihm die Krone hatten streitig machen wollen. Und hinter jeden dieser Namen hatte er ein dickes Kreuz gemacht. Die Adeligen hatten das natürlich so verstanden, dass das eine Todesliste war und sind deswegen geflohen.

Als König Ludwig davon hörte, schickte er Botschaften an die Geflohenen, dass sie ohne Angst nach Frankreich zurückkehren könnten.
Er werde niemandem ein Haar krümmen. Ein Adeliger fragte Ludwig später, was denn dann die Kreuze auf der Liste bedeuten sollten. Und Ludwig antwortete: “Das Kreuz bedeutet nicht den Tod meiner Feinde. Das Kreuz soll mich an das Kreuz meines Erlösers erinnern und mich zur Vergebung bereit machen.“ Da wusste jemand ganz genau, was er tat: Er hat seine Feinde geliebt, seinen Feinden vergeben - weil er wusste, was Jesus für ihn getan hat. “Denn sie wissen nicht, was sie tun“ - das war der erste Gedanke, die erste Szene in diesem Passionsbild des Lukas.

Jetzt als Zweites: Alles umsonst

Hier vorne, auf dem Antependium, ist ein Kreuz zu sehen. Damals, an Karfreitag, waren es aber drei Kreuze: Das Kreuz Jesu und die Kreuze der beiden Männer, die mit ihm gekreuzigt wurden. Zwei Übeltäter waren es, so heißt es im Text. Was sie angestellt haben, das weiß man nicht genau. Vielleicht waren es einfache Räuber oder Verbrecher. Vielleicht waren es Freiheitskämpfer oder Terroristen, je nachdem, von welcher Seite aus man es betrachtet hat: Leute, die durch Terroranschläge die Römer aus dem Land treiben wollten. Wir wissen nicht viel über diese beiden Männer, hier im Text stehen sie für zwei gegensätzliche Einstellungen zum Glauben und zum Leben.

Der erste macht sich lustig über Jesus, er stimmt ein in den Hohn und Spott der Menschen, die bei der Kreuzigung zugucken. “Na Jesus, wenn du wirklich der Messias bist, dann mach doch jetzt mal schön ein Wunder. Steig runter vom Kreuz, hilf dir und uns dann auch.“

Das letzte Wort, das uns von diesem Mann überliefert ist, ist eine zynische, spöttische Bemerkung. Nicht immer, aber doch oft sind die letzten Worte eines Menschen ein Hinweis darauf, was für ein Mensch derjenige war. Wer im Angesicht des Todes spottet und zynische Bemerkungen macht, der ist wohl auch im Leben ein Spötter und Zyniker gewesen. Einer, der sagt: Gott, Jesus, Glaube – kannst du doch alles vergessen. Es ist ja doch alles umsonst, alles sinnlos. Am Ende steht der Tod, am Ende steht das große Nichts, der Abgrund, darum lasst uns essen und trinken und Witze reißen, denn morgen sind wir tot. Spott und Zynismus sind letztlich Ausdruck der Hoffnungslosigkeit – Gott bewahre uns davor.

Der andere Übeltäter am Kreuz war vielleicht in seinem Leben nicht besser als sein Kollege. Aber in der Todesstunde gewinnt er eine neue Perspektive. Und von daher fällt Licht auf die Dunkelheit seines Lebens. Seine letzten Worte sind Worte der Hoffnung: “Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Das ist ja kein mustergültiges Glaubensbekenntnis, das er am Ende seines Lebens ablegt. Es ist ein Stoßseufzer, ein Stoßseufzer des Vertrauens: “Jesus, vergiss mich nicht.“ Und Jesus erhört diese Bitte des Vertrauens: “Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Wie es auch immer jenseits der Todesgrenze aussehen mag: Die Hoffnung des Glaubens sagt: Auch im Tod sind wir nicht von Gott, nicht von Jesus vergessen.

Martin Luther hat einmal über diesen zweiten Übeltäter am Kreuz gesagt: “Wir wollen diesen Übeltäter feiern. Dieser Übeltäter ist der erste Heilige im Neuen Testament geworden.“

Der Übeltätiger ein Heiliger – weil Heiligkeit nicht durch meine heiligen, guten Taten entsteht, sondern durch Vergebung, die mir geschenkt wird. Nicht durch mein Gutsein, sondern durch Gottes Güte. In dem Sinn und nur in dem Sinne kann ich es dann auch gut mitsprechen, wenn im Glaubensbekenntnis von der heiligen christlichen Kirche die Rede ist.

Die beiden Übeltäter stehen für zwei gegensätzliche Einstellungen zum Glauben und zum Leben:

Der erste Übeltäter sagt: Es ist alles umsonst. Es ist alles sinnlos, und deswegen bleiben nur Spott und Zynismus. Der zweite Übeltäter erfährt: Es ist alles umsonst: Liebe, Vergebung, Hoffnung über den Tod hinaus gibt es umsonst, gibt es geschenkt. Dieses zweite “Es ist alles umsonst“, das ist es, was Jesus in seinem Leben und in seinem Sterben gebracht hat. Amen