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Predigt über Markus 14, 17-25 (Pfrarrer Oliver Ruoß; Gründonnerstag 2017)

Vielleicht kennen sie das Spiel “Prominentenraten“. Man sitzt im Kreis nebeneinander, jeweils der rechte Nachbar klebt seinem linken Nachbarn einen Streifen Kreppband auf die Stirn, auf den er den Namen eines Prominenten geschrieben hat. Jeder Spieler muss herausfinden, welcher Name auf seiner Stirn steht, wer er ist. Man findet das heraus, indem man Fragen stellt, die nur mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Und wenn man dann herausgefunden hat, wer man ist, dann fragt man sich oft: Warum ist mir ausgerechnet dieser Name auf die Stirn geklebt worden? Habe ich mit dem Ähnlichkeit? Das letzte Mal, als ich dieses Spiel gespielt habe, habe ich nach langem hin und her herausgefunden, dass ich Bruder Tack war – Sie kennen den vielleicht, der dicke, etwas trottelige Priester aus Robin Hood, der gerne mal einen über den Durst trinkt. Da habe ich mich natürlich schon gefragt: Bin ich etwa wie Bruder Tack? - Wie bin ich? Wer bin ich? Diese Frage hat sich mir durch den heutigen Predigttext gestellt. Ich lese uns Mk 14, 17-25.

Ich finde das Verhalten der Jünger in diesem Text ziemlich ungewöhnlich: Jesus sagt: “Einer von euch, der mit mir zusammen isst, wird mich verraten.“ Bei dieser erschreckenden Ankündigung Jesu würde ich eigentlich eine Reaktion erwarten wie:
“ Da wurden die Jünger empört. Sie schauten einander an und jeder dachte bei sich: “Ist der es wohl?“ Oder vielleicht auch: Da schauten alle zornig und empört Judas an, denn ihm trauten sie den Verrat am ehesten zu. Und Petrus fragte: Soll ich ihn fesseln und knebeln, Herr, damit er dich nicht verraten kann?“

Das wäre für mich eine normale und typische menschliche Reaktion: Wenn man hört, dass etwas Schlimmes oder Schlechtes gemacht worden ist, dann hat man schnell die üblichen Verdächtigen im Sinn. Wenn bei uns in der Schule früher eine Deutscharbeit zurückgegeben wurde, und der Lehrer ankündigte: “Eine 6 ist dabei“, dann war mir schon klar: Entweder Mark oder Frank – einer von den beiden wird es sein. Als auf einer Jugendfreizeit ein Fotoapparat weggekommen ist, da war ich mir ziemlich sicher, wer da wohl hintersteckt. Wenn man von etwas Schlechtem hört, dann hat man oft ganz schnell seine Vermutung, wer da hinter steckt: Mark oder Frank, Familie Meier von gegenüber, die Ausländer, einer der Schurkenstaaten aus der Achse des Bösen.

Es wäre ganz normal gewesen, wenn die Jünger so auf die Ankündigung des Verrates reagiert hätten: Sie schauten einander an und jeder dachte bei sich: “Ist der es wohl?“ Oder: Sie schauten Judas an und waren sich ziemlich sicher: “Der ist es.“

Aber dieser Satz steht eben nicht in der Bibel. In der Bibel steht: Als Jesus sagte, dass einer von den Jüngern ihn verraten würde, da wurden sie traurig und fragten ihn: “Bin ich`s?“

Das finde ich schon bemerkenswert, das zeugt von einer sehr realistischen Selbsteinschätzung an dieser Stelle: Keiner der Jünger ist sich seiner selbst so sicher, dass er sagen würde: “Aber ich bin es doch mit Sicherheit nicht!“ Nein, jeder einzelne traut es sich selbst zu, zum Verräter zu werden. Alle fragen: “Bin ich es? Bin ich der Verräter?“ Wenn ich diese Frage verallgemeinere, dann lautet sie: “Wer bin ich überhaupt, was für einer bin ich überhaupt?“

Wie würden Sie diese Frage für sich beantworten: Wer sind Sie, was für einer, was für eine sind Sie überhaupt?

Natürlich kann ich manche Antworten geben, wer ich bin, wie ich bin. Aber ich merke: Es sind sehr widersprüchliche Antworten: Ich bin ein glaubender Mensch, ich bin ein engagierter Mensch. Ich habe viele Fähigkeiten und Stärken. Aber zugleich gilt auch: Ich bin ein zweifelnder Mensch, ich bin ein bequemer Egoist, ich bin schwach und verzagt. Ich bin ein Jünger Jesu und ich bin einer, der ihn oft vergisst, verleugnet, verrät. Auf die Frage “Wer bin ich eigentlich“, da kann ich nur sehr widersprüchliche Antworten geben. Und das ehrliche Fragen der Jünger “Bin ich etwa der Verräter?“, das macht mir deutlich: Ich kann nicht garantieren, was für einer ich morgen sein werde: Ich kann nicht ausschließen, dass ich nicht vielleicht auch noch zum Verräter werde. Zum Dieb, zum Lügner, zum Ehebrecher. Die Fähigkeit zu dem allen steckt in jedem von uns.

Eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis hat der Dichterfürst Goethe einmal so formuliert:
“Niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eigenes Können und Vermögen stolz zu werden, da ich deutlich erkannt habe, was für ein Ungeheuer sich in jedem menschlichen Herzen erzeugen und nähren könnte, wenn eine höhere Kraft uns nicht bewahrt.“

Wenn ich es mir selbst zutraun muss, dass auch ich mal zum Verräter werden könnte, dann soll mich das bescheiden machen. Und dann will ich mich davor hüten, die Welt und meine Mitmenschen in gute und böse einzuteilen. Die Rückfrage der Jünger “ Bin ich`s?“, die macht deutlich: Wir alle haben das Zeug auch zu allem möglichen Bösen und Versagen. Und deswegen will ich nicht stolz und überheblich sein, und nicht auf die herabschauen, die versagt haben, die schuldig geworden sind.

Wer bin ich? Ich bin einer, der in vielem sehr widersprüchlich ist. Ich bin einer, der sich viel Gutes, aber eben auch viel Schlechtes zutrauen kann und muss.

Das wäre ziemlich frustrierend, wenn das jetzt die einzige Antwort wäre. Gott sei Dank gibt es noch eine andere, entscheidende Antwort auf die Frage, wer ich bin, wer wir sind.

Das Wichtigste, was man über die Jünger in dieser Textstelle sagen kann, das ist: Sie sind willkommene Gäste an Jesu Tisch, Menschen, die mit Brot und Wein, mit der Nähe und Vergebung Jesu beschenkt werden. Obwohl sie alle potentielle Verräter sind.

Sogar Judas, der dann tatsächlich zum Verräter wird – auch er darf beim Abendmahl dabei sein. Jesus sagt ein hartes Wort über Judas. Er sagt: Es wäre besser für ihn, wenn er nicht geboren worden wäre. Wahrscheinlich hat Judas das wenige Stunden selbst auch so gedacht, als er seinen Verrat bitter bereut hat: Ach wäre ich doch nie geboren worden. Jesus sagt ein hartes Gerichtswort über Judas. Aber an dieser Stelle tut sich auch noch für ihn ein Hoffnungsschimmer auf: Auch Judas darf beim Abendmahl dabei sein, darf Gast an Jesu Tisch sein.

Neben allem, was das Abendmahl sonst auch noch bedeutet: Abendmahl bedeutet in erster Linie: Gemeinschaft mit Jesus. Zugehörigkeit zu ihm. Jesus gibt dem Brot und dem Wein diese besondere, symbolische Bedeutung: Das ist mein Leib, das ist mein Blut, das für die Vielen vergossen wird. So gewiss ihr Brot und Wein zu euch nehmt, so gewiss bin ich für euch: Ich bin für euch, ich bin für euch sogar in den Tod gegangen. Daran erinnern Brot und Wein. So gewiss ihr Brot und Wein zu euch nehmt, so gewiss bin ich bei euch – wir gehören zusammen.

Das ist die entscheidende christliche Antwort auf die Frage “wer bin ich?“ - Das ist das Wichtigste, was ich über mich wissen kann: Ich bin einer, von dem gilt: Jesus ist für mich. Ich bin einer, der zu Jesus gehört, einer, der durch Jesus zu Gott gehört. Selbst wenn ich ein sehr zwiespältiger Mensch bin, selbst wenn ich neben manchem Christlichen auch viel Unchristliches an mir und in mir habe. Selbst wenn ich versage. Selbst, wenn ich vielleicht manchmal gar nicht glauben kann. Das Abendmahl ist für uns ein Zeichen dafür, dass Jesus für uns ist und dass wir zu Jesus gehören.

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe und Märtyrer in Nazideutschland, hat im Gefängnis ein Gedicht geschrieben, das mir wichtig ist bei meiner Frage danach, wer ich denn eigentlich bin. In seiner besonderen Situation, in der es für Bonhoeffer um Leben und Tod geht, da gibt er die gleiche Antwort, die ich in unserem Text sehe.

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg? Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott. Amen