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Predigt über Jesaja 54, 7f  (Pfarrer Oliver Ruoß, 26. März 2017)

Vielleicht haben Sie das mitbekommen: Passend zum Reformationsjubiläumsjahr haben wir dieses Jahr bei unseren Kinderbibeltagen  das Thema „Mit Martin auf Entdeckungstour.“ Anhand des spannenden Lebens von Martin Luther wollen wir da wichtige Aspekte des christlichen Glaubens genauer betrachten. Und ein wichtiger Aspekt ist dabei das Thema Gnade, die entscheidende Entdeckung Luthers, die ihm die Angst vor Gottes Zorn und Gericht genommen hat und die Liebe Gottes in den Mittelpunkt gerückt hat. Und es ist wohl auch eine Folge der Reformation, dass der Gedanke an Gottes Zorn und Gericht heutzutage so gut wie keine Rolle mehr spielt. Wenn überhaupt, dann ist von Gottes Liebe die Rede. Ich finde das prinzipiell erstmal positiv, allerdings steckt da auch eine Gefahr drin: Dass Gottes Gnade und Liebe, die für Luther eine lebensverändernde Entdeckung war, für uns eine Selbstverständlichkeit ist, die keinen vom Hocker reißt. Gott ist dann oft der liebe Gott -  und der liebe Gott, der tut nichts, der ist ganz harmlos – und meist dann auch ziemlich bedeutungslos.  Der heutige Predigttext aus dem Propheten Jesaja stellt uns einen Gott vor Augen, der weder harmlos noch furchteinflößend ist. Ich lese Jesaja 54, 7f       

1) Zorn und Liebe
Zorn ist etwas, was wir wahrscheinlich alle gar nicht so mögen. Und erst recht in Bezug auf Gott erscheint das mit dem Zorn problematisch. Aber davon ist im Text ja nun mal auch die Rede: “Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns (ein wenig) vor dir verborgen.“ Ich möchte eine kleine Ehrenrettung des Zorns versuchen.   Die 16 Jährige Friederike hat in der Schule oft von Streit mit ihren Eltern erzählt: „Ständig meckern meine Eltern, die halten mich an der kurzen Leine, ich muss abends spätestens um 10 Uhr zu Hause sein, und wenn ich da auch nur 5 Minuten zu spät komme, dann  werden meine Eltern total sauer, dann gibt es Hausarrest.“ Irgendwann kommt heraus, dass das alles gar nicht stimmt. Die Eltern sind gar nicht streng, sie kontrollieren ihre Tochter nicht, sie werden nicht sauer, sie bestrafen sie nicht fürs Zuspätkommen. Sie kümmern sich nämlich gar nicht um das, was ihre Tochter tut. Als Friederike gefragt wird, warum sie das erfunden hatte, dass ihre Eltern so streng seien, da ist ihre sehr erschütternde Antwort: „Weil ich mir wünsche, dass sie so wären. Ich würde mir wünschen, dass sie sauer werden, wenn ich zu spät nach Hause komme. Aber das tun sie nicht. Denn ich bin ihnen völlig egal.“

Wo Kindern Angst gemacht wird, wo Kinder geschlagen werden, wo Kinder sehr streng im Sinne einer schwarzen Pädagogik erzogen werden, da ist das etwas, was dem Geiste der Bibel und des christlichen Glaubens widerspricht.  Aber etwas anderes kann ähnlich schlimm sein: Wenn Eltern ihre Kinder nämlich einfach immer machen lassen, weil es ihnen völlig gleichgültig ist, was ihr Kind macht. Es ist nicht schön, wenn ein anderer Mensch auf mich zornig ist, wenn ich irgendetwas verbockt habe. Aber wohl noch schlimmer ist es, wenn dem anderen das völlig egal ist, was ich tue, wenn ich ihm noch nicht mal seinen Zorn wert bin. Wenn die Bibel von Gottes Zorn redet, dann geht es nicht um Jähzorn und Willkür, nicht darum, dass jemand ausrastet und dann wild um sich schlägt. Oder dass, wie in der schwarzen Pädagogik, der Wille der Menschen gebrochen werden soll, die Menschen erstmal kleingemacht und zurechtgestutzt werden sollen. Wenn von Gottes Zorn die Rede ist, dann geht es darum, dass es Gott nicht egal ist, was wir Menschen tun und wie wir leben. Wo wir auf Kosten anderer leben, wo wir die Schöpfung zerstören, wo wir nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind, wo wir gleichgültig sind, wo wir lieblos und hart sind, da ist Gott nicht ein harmloser „lieber Gott“ und sagt brav Ja und Amen dazu. Gottes Zorn meint, dass unser Böses und unser Falsches Ihm nicht egal ist, ihn nicht kalt lässt. Gott ist nicht wie Friederikes Eltern: Wir Menschen sind ihm so wichtig, dass er auf uns zornig werden kann, wir sind ihm seinen Zorn wert.

Wenn Kinder etwas tun, was für sie selbst und für andere schlecht und schädlich ist, in solchen Situationen sind Eltern hoffentlich nicht „lieb“ in dem Sinne, dass sie ihre Kinder einfach machen lassen. Sondern ihnen sagen und zeigen, dass das nicht gut und in Ordnung ist, ihnen die Konsequenzen aufzeigen und manchmal wohl auch zu Sanktionen greifen. Nicht, weil sie ihr Kind dann nicht mehr lieben würden, sondern gerade weil sie ihr Kind lieben. Und so ist auch die Rede von Gottes Zorn nicht etwas, was im prinzipiellen Gegensatz zu Gottes Liebe steht. Sondern gerade weil wir Menschen Gott am Herzen liegen, ihm nicht gleichgültig sind, deswegen kann er auch auf uns zornig sein. Eine kleine Ehrenrettung des Zorns.  Aber – Gott sei Dank ist der Zorn ja nicht das einzige und auch nicht das Entscheidende, wovon der Text redet. Deswegen jetzt als zweites:


2.) Gnade mit Übergewicht

Wenn ich auf die Waage steige, und merke, dass ich Übergewicht habe, ist das ziemlich blöd. In Bezug auf die Gnade bin ich froh, dass sie das Übergewicht hat, mehr wiegt, schwerwiegender ist:
 
„Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.“  Zorn und Gnade, Zorn und Barmherzigkeit, das sind bei Gott nicht zwei Eigenschaften, die gleichgewichtig nebeneinander stehen. Sondern es gibt ein ganz klares Übergewicht von Gnade und Barmherzigkeit. - An der Stelle eine kurze Zwischenfrage: Wie sieht es eigentlich mit unserem Zornigsein und unserem Gnädigsein aus: Dauert mein – vielleicht ja  durchaus berechtigter - Zorn auf einen anderen einen Augenblick und dann wende ich mich ihm wieder neu zu? Oder gilt für mich eher das Gegenteil des Bibelverses: Ist mein Zorn ewig, bin ich auf Dauer sauer, und der, auf den ich sauer sind, kommt in die Schublade „blöd“ oder „schlecht“ oder „kannst du vergessen“, und da bleibt er oder sie für ewig drin? Wir Menschen leben davon, dass Gottes Gnade stärker ist als sein Zorn über unsere Schuld und unser Versagen. Hoffentlich gilt das dann auch für unseren Umgang miteinander, das Übergewicht der Gnade, dass der Zorn ein Ende findet und der andere wieder eine neue Chance bekommt.

Dieses Übergewicht der Gnade – gerade bei Kindern ist es ganz wichtig, dass sie ein Grundvertrauen entwickeln, dass es so etwas bei ihren Eltern gibt: Auch dann, wenn meine Eltern mal mit mir schimpfen, auch da, wo sie mir Fernsehverbot oder Hausarrest verpassen, auch da lieben sie mich. Wo ich das ganz tief in mir weiß und spüre, dass der andere mich liebt, da kann ich es ertragen, wenn er mal sauer auf mich ist. Und manchmal sogar eingestehen: Er hat ja Recht mit seinem Zorn.
 
In unserem Bibeltext wirbt Gott durch den Propheten um ein solches Grundvertrauen der Menschen. Die Menschen in Israel hatten Gottes deutliches „Nein“ erlebt, sein Nein zu bösen und falschen Wegen, die sie gegangen waren. Israel hatte den Krieg verloren, die Menschen hatten Ihre Heimat verloren und dachten: Gott ist mit uns fertig, er will nichts mehr mit uns zu tun haben. Dieser Sicht, diesem Empfinden, diesem Bild von Gott widerspricht der Prophet. Er sagt: Gottes letztes Wort ist nicht das Nein, sondern das Ja zu euch. Sein Gericht und sein Zorn sind nicht das letzte und letztgültige, sondern das letzte und letztgültige sind seine Gnade und Barmherzigkeit. Der Zorn, so sagt der Text, dauert einen kleinen Augenblick, aber die Gnade ist ewige Gnade. Gnade und Barmherzigkeit sind Gottes eigentliche Wesenseigenschaften.

Vor längerer Zeit ist eine meiner Töchter auf einer sehr schmalen Mauer balanciert, wo die Gefahr groß war, dass sie runterfällt und sich wehtut. Und so habe ich ihr mehrfach gesagt: „Komm da runter.“ Meine Stimme ist langsam energischer geworden, ja, ich bin ein wenig zornig geworden. Schließlich habe ich gesagt: „O.k., wer nicht hören will, muss fühlen. Wenn Du da gleich runterfällst, dann habe ich kein Mitleid mit dir, dann tröste ich dich nicht, dann ist mir das egal, wenn Du Dir wehtust.“ Darauf bekam ich die Antwort: „Das stimmt ja gar nicht: Wenn ich mir wehtue, dann wirst du mich ja doch trösten.“ Da hatte das Kind die Dreistigkeit, mir auch noch zu widersprechen. Ich habe mich über diesen Widerspruch sehr gefreut. Weil er mir gezeigt hat: Meine Tochter hat dieses ganz wichtige Grundvertrauen: Sie weiß, dass ich durchaus mal sauer auf sie sein kann. Aber sie weiß auch, dass das nicht das eigentliche und das letztgültige in meiner Beziehung zu ihr ist. Sondern dass das eigentliche und letztgültige Liebe und Zuwendung ist.

Das eigentliche und letztgültige an Gottes Beziehung zu uns Menschen ist Barmherzigkeit und Gnade, ist Liebe und Zuwendung.  Nur ist das ja leider nicht immer so klar zu merken und nicht immer so einfach zu glauben: Die Menschen damals, an die die Bibelworte zunächst gerichtet waren, die haben gefragt: Wo ist denn bitteschön Gottes Gnade, wo ist denn seine Barmherzigkeit zu sehen. Wir sitzen hier doch fern unserer Heimat, wir sitzen hier in unserem Elend. Und so stellt sich diese Frage ja bis heute: Wo ist das denn zu sehen, dass Gott wirklich so ist, wie die Bibel sagt: Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte?

3)    Das Angesicht Gottes.
„Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.“ Gottes Beziehung zu uns Menschen wird mit einem anschaulichen Bild beschrieben: Das verborgene, das abgewendete Angesicht Gottes, und die neue Zuwendung. Martin Luther hat dieses Bild einmal aufgenommen und gesagt: Manchmal empfinde ich Gott als einen „deus absconditus“. D.h.: Als einen mir abgewandten, als einen fremden und unverständlichen Gott. Ich begreife es nicht, wieso Gott so viel Leid und Elend zulässt, ich begreife ihn nicht, er ist mir fremd und fern. Und Luther sagt: Wenn Gott mir so als deus absconditus erscheint, als abgewandter, fremder, ferner Gott, dann fliehe ich hin zum deus revelatus. Deus revelatus, d.h., der Gott, der sich offenbart, der sich den Menschen zuwendet, der sich uns Menschen zeigt. Diese Zuwendung zu uns Menschen geschieht am deutlichsten und eindeutigsten in der Person Jesu. Hier begegnet uns der deus revelatus, hier begegnet uns die Zuwendung und Nähe Gottes, seine Gnade und Barmherzigkeit. In Jesus, der sich den Kindern zuwendet. Der sich den Kranken und Armen und  Ausgegrenzten zuwendet. Der zutiefst barmherzig ist, ja, der in seinem Leben in einzigartiger Weise verwirklicht, was das  Wort „barmherzig“ meint, nämlich „beim armen Herzen“ sein: Der bei den Menschen in Leid und Not ist, indem er Leid und Not und Sterben der Menschen bis zum Letzten teilt. Er ist die Barmherzigkeit und Zuwendung Gottes in Person, dessen Nähe wir suchen und  an den wir uns halten können, auch dann, wenn Gott uns fern und unverständlich, wenn Gott uns als ein deus absconditus erscheint.

Ein kleines Mädchen im ersten Schuljahr fing mitten im Unterricht an zu weinen. Die Lehrerin fragte, was denn los sei. Daraufhin sagte das Mädchen unter Tränen: „Ich habe vergessen, wie meine Mama aussieht.“ Die Lehrerin war eine  weise Frau, die wusste, dass es Dinge gibt, die noch wichtiger sind als Lesen- und Schreibenlernen. Und so sagte sie zu dem Kind: „Das ist wirklich traurig. Deswegen geh jetzt schnell nach Hause und schau dir das Gesicht deiner Mama genau an. Und nimm es in dein Herz auf.“

Wir brauchen das ganz nötig: Das zugewandte Gesicht anderer Menschen. Und das Gesicht Gottes, das er uns in Jesus zugewandt hat. Sein Gesicht, das wir hoffentlich neu suchen, wenn wir es vergessen haben, das uns hoffentlich immer wieder von anderen gezeigt wird, auch hier im Gottesdienst, das wir in unser Herz aufnehmen. Amen

 

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