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Predigt über Hebräer 4, 12f – „sola scriptura“  (Pfarrer Oliver Ruoß; 22. Januar 2017)

Wenn Sie mal etwas Spannendes lesen wollen, dann lesen Sie die EU-Verordnung über die Einfuhr von Karamellbonbons. Sie umfasst 25 911 Worte – wenn Sie mir nicht glauben, dann zählen Sie mal nach. Vor einigen Jahren erklärte ein  Schriftsteller, dass es sich nicht lohne, weiterhin Worte aneinander zu reihen, die doch nichts verändern können. Wir kennen das ja alle: Dass Worte  und leer und nichtssagend sein können. Aber es gibt auch das andere: Dass ein einziges Wort dem Leben eine entscheidende Wendung bringen kann:
- wenn der Arzt sagt: „bösartig“, oder „gutartig“
- wenn der Richter sagt: „schuldig“, oder „nicht schuldig“
- wenn der geliebte Mensch sagt: „nein“ , oder „ja“.
Wie sieht das für uns aus mit dem Wort der Bibel, das oftmals ja auch als „Wort Gottes“ bezeichnet wird? Welche Bedeutung, welche Relevanz, welche Kraft hat dieses Wort?
Am vergangenen Sonntag habe ich eine kleine Predigtreihe zum Reformationsjubiläumsjahr angefangen zu den sogenannten „Exklusivpartikeln“: vier Ausdrücke, mit denen die Kernanliegen der Reformation ausgedrückt wurden: Sola gratia, allein aus Gnade, sola scriptura, allein durch die Schrift, sola fide, allein durch den Glauben, und solus Christus, allein Christus. Letzten Sonntag ging es um das sola gratia – allein die Gnade: Heute geht es um das sola scriptura: Allein die Schrift: Ich lese als Predigttext Hebr. 4, 12.

1.) Lebendiges Wort statt toter Buchstabe

Das Wort Gottes ist kräftig und  lebendig – ist das wirklich so – oder sind es doch nur leere Worte und tote Buchstaben? Wie erleben und empfinden Menschen die Bibel und die Verkündigung der Bibel? Fünf kurze Beispiele dazu:

Ein kleines Mädchen sitzt mit seinem Vater im Gottesdienst. Die Predigt ist furchtbar langweilig, schließlich fragt das Mädchen ihren Vater: "Papi, wenn wir dem Pfarrer die Kollekte jetzt schon geben, können wir dann früher gehen?"

Ein 2. Beispiel: Ein Mitarbeiter im Besuchsdienst einer Gemeinde besucht eine junge Frau. Nach längerem Gespräch fragt er ie, ob sie auch eine Bibel hätte. Die Frau antwortet: „Ja, wir haben eine Bibel, aber die ist uralt, ich weiß gar nicht, ob die heute noch gilt.”

Der Theologe Eberhard Busch berichtet einmal, wie er in einen Ostblockstaat gereist ist. An der Grenze bekommt er barsch die Frage gestellt: „Führen Sie Waffen oder Bibeln mit sich?“  Da erscheint die Bibel als etwas Gefährliches, bedrohlich für ein diktatorisches Regime.

In China habe ich Menschen getroffen, die jeden Sonntag drei Stunden oder länger zu Fuß und mit dem Bus unterwegs waren, um den Gottesdienst zu besuchen. Und wenn der Pfarrer so dreist war und seine Predigt schon nach 60 Minuten beenden wollte, dann haben die Leute sich beschwert: Sie waren so lange unterwegs, jetzt wollten sie doch noch mehr hören. Ihnen ist Bibel und Predigt so wichtig, dass sie große Mühe auf sich nehmen, um das Wort zu hören, und sie können gar nicht genug davon kriegen.

Ein letztes Beispiel:  Ein Mann wollte mit Gott und Glauben nichts zu tun haben. Eines Tages muss er zur Beerdigung eines Verwandten. Aber er will da nichts hören, und so hält er sich die Ohren zu. Da sticht ihn eine Mücke in die Nase. Er nimmt die Hand vom Ohr und verscheucht die lästige Mücke. In dem kurzen Augenblick hört er den Satz des Predigers aus dem Jeremiabuch: „Bestelle dein Haus, denn du musst sterben.“ (Jes.38,1) Schnell hält er sich wieder die Ohren zu und wartet auf das Ende des Gottesdienstes. Aber das eine Bibelwort, das er da gehört hat, das verfolgt ihn den ganzen Tag,  kehrt in seinen Träumen wieder. Der Mann kann es nicht loswerden. Er merkt: Hier hat Gott ihn angesprochen. Am Ende wendet er sich Gott zu und beginnt ein neues Leben.

Zwei Erfahrungen, wo Bibel und Predigt den Menschen tot und langweilig erscheinen, drei Beispiele, wo Menschen merken: Nicht nur leere und tote Worte, nicht blabla, sondern etwas Lebendiges und Kräftiges. 

Nun müssen wir aber zunächst mal die Frage stellen: Wenn in dem Text vom Wort Gottes die Rede ist - was ist denn überhaupt Gottes Wort: Die Bibel? Jeder Abschnitt der Bibel, jeder einzelne Vers? Aber die Bibel ist ja von Menschen geschrieben, es ist auch vieles drin, was wir gar nicht verstehen, manches Widersprüchliche, manches, was wir nun auch gar nicht mit Gott zusammenbringen können. Wird in der Predigt Gottes Wort verkündigt? Aber die Predigt ist ja erst recht etwas ganz Menschliches. Wenn wir den Verfasser des Hebräerbriefes fragen würden „Was ist denn eigentlich Gottes Wort“ - dann würde er uns wohl antworten: „Das habe ich doch direkt am Anfang meines Briefes geschrieben.“ Dort heißt es nämlich: „Nachdem Gott in früheren Zeiten vielfach zu unseren Vorfahren geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch seinen Sohn.“ Das ist die Antwort des Neuen Testamentes: Gottes Wort ist in erster Linie nicht die Bibel, nicht die Predigt, sondern Jesus. In den Worten, in den Taten Jesu, durch sein Leben und sein Sterben und Auferstehen hat Gott geredet. Deswegen ist Jesus im eigentlichen Sinne das Wort Gottes, das Wort Gottes in Person. „Das Wort wurde Fleisch, wurde Mensch“ - so heißt es am Beginn des Johannesevangeliums über Jesus. Im Islam ist der Koran, das Heilige Buch das Wort Allahs. Mohammeds entscheidende Aufgabe war es, den Menschen dieses Wort Gottes zu vermittelt. Im christlichen Glauben ist es gewissermaßen umgekehrt: Nicht: Jesus hat uns die Bibel gebracht und vermittelt. Sondern: Die Bibel ist ganz wichtig, weil sie uns Jesus vermittelt, von ihm berichtet, ihn bezeugt. Jesus ist das Wort Gottes in Person. Die Bibel ist Gottes Wort, weil und sofern sie uns Jesus nahebringt. Somit ist in der Reformation das sola scriptura, das „allein die Schrift“ ganz eng verbunden mit dem solus Christus, allein Christus. Und von daher hat Luther Aussagen der Bibel durchaus auch kritisiert, wenn sie eben nicht Christus, seinem Leben und Wirken und Vorbild entsprachen, wenn sie, wie Luther es ausdrückte, nicht „Christum treiben“.

Predigt – und Predigt ist nicht nur da, wo der Pfarrer predigt, sondern überall, wo Menschen versuchen, einander die Worte der Bibel nahe zu bringen – Predigt ist Wort Gottes, weil und sofern wir da mehr von Jesus hören, verstehen, und er unserem Leben so nahe kommt. Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig, weil es nicht bloß Buchstabe ist, sondern weil da eine lebendige Person dahinter steckt, die uns ansprechen möchte. - Nun ist es aber leider ja so, dass wir davon oft herzlich wenig merken.

Mir ist wichtig, dass ich vor jeder Predigt darum bitte, dass Gott durch die menschlichen Worte und Gedanken hindurch spricht, dass er unser Herz berührt. Eine Predigt kann originell und witzig oder auch langweilig sein: Wirklich lebendig wird sie dann, wenn Gott sie gebraucht, wenn Gottes Geist durch die menschlichen Worte wirkt und wir merken: Hier bin ich ja angesprochen. Die Bibel mag mir langweilig oder vielleicht auch manchmal ganz interessant erscheinen. Lebendig wird sie erst, wenn Gottes Geist wirkt und mich berührt. Das kann ich nicht machen, darum kann ich ihn nur bitten. Und ich kann dafür Gelegenheiten suchen. Wenn ich dem Wort der Bibel gar keinen Raum gebe in meinem Leben, wenn ich gar nicht versuche, darauf zu hören, dann werde ich auch nicht die Erfahrung machen, dass ich da angesprochen werde. Raum geben, vielleicht im Gotesdienst, vielleicht dadurch, dass ich selbständig in der Bibel lese, vielleicht zumindest jeden Tag die Tageslosung. Oder mir fürs Smartphone z.B. die App „bibleenergy“ runterlade und so jeden Tag einen ganz kurzen Abschnitt und Impuls lese.

Nicht jedes Mal, wenn ich in die Bibel gucke, nicht jedes Mal , wenn ich eine Predigt höre, werde ich berührt. Aber es sind jedes Mal Gelegenheiten, wo Gott wirken kann. Vielleicht kennen Sie den Film „Good Will Hunting“.  Will Hunting ist ein aggressiver Junge, der bei einem Psychiater in Behandlung ist. In einer Szene sagt der Psychiater zu Will Hunting: „Du kannst nichts dafür, dass dein Vater dich früher geschlagen hat.“ Will Hunting antwortet ganz mechanisch: „Das weiß ich.“ Der Psychiater sagt es noch mal: „Du kannst nichts dafür, dass dein Vater dich geschlagen hat.“ Will Hunter gibt wieder die gleiche Antwort. So geht es 6 Mal. Als der Psychiater zum 7. Mal sagt: „Du kannst nichts dafür, dass dein Vater dich geschlagen hat“ - da fängt Will Hunting auf einmal an zu weinen. Das, was sein Kopf genau wusste, was er vielleicht schon 1000 Mal zu hören bekommen hat, das hat jetzt sein Herz berührt. Solche Erfahrungen wünsche ich uns mit der Bibel und der Predigt. Dass die Worte der Bibel von Gottes Liebe, von seiner Vergebung, von Jesu Nähe und von seinem Willen für unser Leben - Worte, die wir vielleicht schon 1000 Mal gehört haben, dass die vom Kopf ins Herz rutschen, dass sie für uns zu lebendigen und lebenschaffenden Worten werden. Lebendiges Wort statt toter Buchstabe. Das war das erste. Und da ich noch keine 60 Minuten gepredigt habe, noch kurz ein zweites:

2.) Schärfer als ein Schwert

Ich habe meinen Rasierer mitgebracht: Wenn ich den kräftig über meine Hand ziehe – dann passiert gar nichts. Ist keine Rasierklinge drinnen, wäre sonst ja auch schön blöd von mir. Ohne Rasierklinge ist er ganz harmlos, nur leider auch ganz   wertlos: Mit einem stumpfen Rasierer kann man sich nicht rasieren. Das Wort Gottes ist „schärfer als ein zweischneidiges Schwert“ heißt es in unserem Text.  Man könnte auch sagen: Es ist wie ein „scharfes Skalpell“, das Mark und Bein voneinander trennt. Ein Skalpell ist gefährlich, kann verletzen. Aber die Schnitte des Skalpell dienen der Gesundheit, der Heilung. Wenn das Skalpell stumpf wäre, wäre es harmlos, aber auch nicht zu gebrauchen.   -  Wenn ich aus der Bibel nur Dinge aufnehme, die mir in den Kram passen, die mich und meinen Lebensstil bestätigen, dann ist sie etwas ganz Harmloses und letztlich überflüssig. Wenn ich bereit bin, meinen Lebensstil, etwa den Umgang mit dem Geld, mit der Wahrheit, mit den Mitmenschen in Frage stellen zu lassen, dann wird es spannend. „Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen“ (Hebr. 13, 16). „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit“ (Epheser 4, 25).  „Tut Gutes denen, die euch hassen, segnet die, die euch fluchen und  bittet für die, die euch beleidigen. (Lukas 6, 27f)“. Das ist starker Tobak. Aber wenn ich bereit bin, auf diese unbequemen Worte zu hören, dann  merke ich: Hier ist eine Kraft, die Leben verändern kann.     -  Ein junger Mann kam wegen Unterschlagung ins Gefängnis. Gefragt, wie es dazu kommen konnte, sagte er: „Mich hat niemand so gut leiden können, dass er mich kritisiert hätte.“ Gott kann uns so gut leiden, wir sind ihm so wichtig, dass er uns kritisiert, wo wir auf falschem Weg sind. Kritik kann ich am ehesten annehmen von Menschen, von denen ich weiß: Die mögen mich. Und wenn die mich kritisieren, dann nicht, um mich fertig zu machen, sondern um mir weiterzuhelfen. Ich wünsche mir für unseren Umgang hier in der Gemeinde, dass Kritik hier so und in diesem Sinne geübt wird. In der Botschaft der Bibel steht an erster Stelle der Zuspruch von Gottes Gnade und Liebe und Vergebung, sein Ja zu mir. Luther hat gesagt: „Das Wort (Gottes) alleine ist das Fahrzeug der Gnade.“  So gehören sola gratia vom letzten Sonntag und sola scriptura zusammen. Aber die Liebe und Gnade Gottes, dass er ganz grundsätzlich Ja zu mir sagt, das heißt ja nicht, dass er zu allem Ja und Amen sagt, was ich tue. Das wäre billige Gnade, wie Dietrich Bonhoeffer es genannt hat.  Auf Grundlage von Gottes Ja zu mir, auf Grundlage seiner Gnade gehört das andere dazu: Seine Kritik an meinen Lieblosigkeiten, Sein manchmal unbequemer, aber guter Wille für mein Leben. Hoffentlich achten und hören wir beides: Gottes Zuspruch und sein Anspruch. Amen