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Predigt über Matthäus 28, 16-20 (Pfarrer Oliver Ruoß, 04. September 2016)

Vorhin habe ich bei der Begrüßung gesagt: Schön, dass Mila, Felix, Paul und Charlotte ihre Eltern und ihre Paten mitgebracht haben. Denn das ist gar nicht so selbstverständlich: Vor einiger Zeit hat mir die Mutter eines Konfirmanden erzählt: “Mein Sohn hat mir verboten, mit in die Kirche zu kommen.” Eigentlich geht das ja nicht: Kinder dürfen ihren Eltern nicht verbieten, mit in die Kirche zu gehen. Was ich aber schon gut verstehen kann: Ab einem bestimmten Alter lösen sich Kinder von ihren Eltern, wollen nicht, dass die Eltern ständig bei ihnen sind. Ich habe für heute einen Predigttext ausgesucht, bei dem es genau um die Frage geht: Wer ist bei mir? Und will ich ihn bei mir haben?, Einen Text, der sehr gut passt zu den Taufen heute und gleichzeitig zu der Begrüßung von Julius Georgi als neuem Jugendleiter unserer Gemeinde und von Jule Gayk als Pfarrerin zur Anstellung. Ich lese den sogenannten Taufbefehl Jesu, Mt 28, 16-20

1) Wer ist bei mir?

Wer ist das, wie ist der, der da sagt: Ich bin bei euch? Ist er so, dass man den wirklich ständig bei sich haben möchte?  “Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden”. Das kann ja auch ganz schön einschüchternd wirken: Im Mittelalter wurde Jesus vor allem so dargestellt: Als mächtiger Herrscher, der alle Feinde bezwingt und unterwirft und richtet – und vor dem viele Menschen dann tendentiell eher Angst hatten. 

Für die ersten Christinnen und Christen war das ganz anders. “Ich bin bei euch” und “Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden” - das waren  für sie Trostworte. Worte, die sie getröstet und ermutigt haben angesichts von vielen anderen  Herren und Mächten, die ihre Macht gezeigt haben. Das erste christliche Glaubensbekenntnis bestand aus nur 2 Wörtern: Kyrios Jesus - Jesus ist Herr. Und damit wurde gleichzeitig gesagt: Nicht der Kaiser in Rom ist der größte Herr, die letzte Autorität, der ich um jeden Preis zu gehorchen habe. Sondern es gibt einen anderen Herrn, dem ich verpflichtet bin, und auf den ich höre und hoffe, dass er sich einmal völlig durchsetzt.

Während der Zeit des 3. Reiches stand an einem Haus des CVJM in Berlin ein Schild mit zwei Worten drauf: “Aber Gott”. Dieses Schild musste entfernt werden, weil die Nazis Angst hatten, dass dadurch ihre Autorität untergraben wurde: Weil es ein Hinweis darauf war, dass ein anderer die letzte Autorität ist. “Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.” Das ist kein bedrohlicher, einschüchternder, niederdrückender Satz. Denn er stammt ja von dem, der auf alle Macht und Gewalt verzichtet hat: Als Jesus am Kreuz hängt, verspotten ihn die Leute: Wenn Du wirklich Gottes Sohn bist, dann steige herab vom Kreuz. Was macht Jesus: Er betet für diese Leute: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Keine Machtdemonstration, keine Gewaltanwendung – so sehr sie auch berechtigt wäre, so sehr wir sie uns vielleicht auch manchmal heutzutage wünschen würden, sondern ein scheinbar ohnmächtiges Werben um die Menschen. In einem Lied ist das so ausgedrückt, was hier geschieht: Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.”

Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.” Das ist nicht niederdrückend, nicht triumphalistisch. Es ist ein Satz des Trostes und der Hoffnung, ein Satz, der auch zum Widerstand aufruft: Dass nämlich nicht die römischen Kaiser, nicht die Nazis, nicht die Stasi, nicht die fanatischen Terroristen die letzte Macht haben. Auch nicht die Wall Street und das Kapital. Dass selbst der Tod nicht die letzte Macht hat. Sondern dass es eine andere Autorität gibt, die höher und wichtiger ist. Dass die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart, das letzte Wort haben wird.

Gerade bei der Erziehung von Kindern, gerade bei der Umsetzung des Taufversprechens, ist es ganz wichtig, dieses Bild von Gott, das in Jesus Gestalt gewonnen hat, weiterzugeben: Einer, der nicht zwingt und drängt und unterdrückt  und kleinmacht, sondern der uns annimmt, liebt, um uns wirbt und ermutigt.

Leider Gottes gibt es das zuweilen auch, eine einengende, lebenshindernde Erziehung und Religiosität. Ein Bild von Gott und Jesus, wo der Satz “Ich bin bei euch alle Tage” eher wie eine Drohung klingt. Aber viel verbreiteter ist heutzutage in unserer Gesellschaft das andere Extrem: Dass Kinder viel zu wenig, manchmal gar nichts von Gott und Jesus erfahren und gar keine Chance haben, christlichen Glauben wirklich  kennenzulernen. “Kinder nicht um Gott betrügen” - das ist der Titel eines Buches des Pädagogen Albrecht Biesinger. Er zitiert darin einen Brief, den eine todkranke Jugendliche kurz vor ihrem Tod an ihre Mutter geschrieben hat. Ich lese hieraus einige Passagen. Das Mädchen schreibt: “ Es wird Nacht, aber kein Stern glänzt über mir, auf den ich im Versinken blicken könnte. Mutter, ich war nie gottesfürchtig; aber ich fühle jetzt, dass da noch etwas ist, das wir nicht kennen, etwas Geheimnisvolles, eine Macht, der wir in die Hände fallen, der wir antworten müssen auf alle Fragen. Und das ist meine Qual, dass ich nicht weiß, wer das ist. Wenn ich ihn kennen würde! Mutter, weißt du noch, wie du mit uns Kindern durch den Wald gingst bei einbrechender Dunkelheit (...)?  Wir liefen dir manchmal davon und sahen uns plötzlich allein. Schritte kamen durch die Finsternis – welche Angst vor den fremden Schritten! Welche Freude, wenn wir den Schritt erkannten als den Deinen, den der Mutter, die uns liebte. Und nun höre ich wieder in Einsamkeit Schritte, die ich nicht kenne. Warum kenne ich sie nicht? Du hast mir gesagt, wie ich mich kleiden muss (...), wie man isst, wie man so durchs Leben kommt. Du hast für mich gesorgt (...). Ich erinnere mich auch, dass du am Heiligabend mit deinen Kindern in die Christmette gingst; auch an ein Abendgebet erinnere ich mich, das du mir einige Male vorgesagt hast. Immer hast du uns zur Ehrlichkeit angehalten. Aber das alles zerfällt mir jetzt wie mürber Zunder. Warum hast du mich nicht bekannt gemacht mit dem Klang seines Schrittes, dass ich merken könnte, ob er zu mir kommt in dieser letzten Nacht und Todeseinsamkeit? Dass ich wüsste, ob der, der da auf mich wartet, ein Vater ist! Wie anders könnte ich sterben!”  So weit die Worte dieses Mädchens. Die Zusage Jesu wäre eine Antwort auf ihre Frage, ob da einer zu ihr kommt in der letzten Nacht und Todeseinsamkeit. Diese Zusage Jesu ist etwas, was Trost und Mut, Kraft und Hoffnung geben kann im Leben und auch noch im Sterben: “Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.”  - Einen 2., kurzen Gedanken habe ich noch:

2.) Jünger sein

Wissen Sie, was Jesus von Beruf war? Student! Er wohnte mit 30 Jahren noch bei den Eltern, hatte lange Haare und wenn er etwas tat, dann war es ein Wunder. - Nun tut das nicht nur den Studenten Unrecht - zumindest den meisten -, es stimmt vor allem nicht in Bezug auf Jesus. Denn Jesus war nicht Student, sondern der Lehrer und Meister. Seine Jünger waren die Studenten. Im Text ist die Rede von den Jüngern Jesu und davon, dass sie andere Menschen auch zu Jüngern machen sollen. Das Wort “Jünger” heißt wörtlich übersetzt Schüler oder Student. Die Jünger waren Menschen, die von Jesus und bei Jesus gelernt haben, indem sie mit ihm zusammengelebt haben, mit ihm unterwegs waren. Und wir heute sind Jüngerinnen und Jünger, wenn wir versuchen, von Jesus zu lernen, auf ihn achten, ihm nachfolgen. 

Ziel eines Studiums ist, dass man mal einen Abschluss macht und dann eben kein Student mehr ist. Vielleicht sogar den eigenen Lehrer, den eigenen Professor mal zu überflügeln.  Bei den Schülern Jesu, bei den Jüngern ist das anders: In gewissem Sinne sind sie ewige Studenten, denn sie werden nie damit fertig, bei Jesus und von ihm zu lernen. Sie sollen andere lehren und unterrichten. So wie Ihr, Jule und Julius, ja auch in besonderer Weise dazu beauftragt seid, andere zu lehren und die gute Nachricht weiterzugeben. Aber ihr bleibt, wir alle bleiben dabei immer selbst Lernende, bleiben selbst Jünger und Studenten. Jünger Jesu, Jüngerin Jesu zu sein heißt nicht, dass man auf alle Fragen eine Antwort hätte, dass man keinen Zweifel mehr haben dürfte. Ich finde das sehr tröstlich: Über die Jünger heißt es am Anfang unseres Textes: “Sie fielen vor Jesus nieder, einige aber zweifelten.” Und Jesus weist die nicht zurecht und kritisiert sie. Sagt nicht: Pech gehabt, durchgefallen, ich kann euch nicht als Jünger gebrauchen. Sondern auch sie beruft er, den Glauben weiterzugeben. Nicht bei allen Menschen, aber doch bei vielen gehört der Zweifel auch zum Glauben dazu. Und trotz meiner Zweifel und mit meinen Zweifeln und Fragen  kann und darf und soll ich ein Jünger Jesu sein.

Jesus fordert seine Jünger damals auf, fordert auch uns heute auf, dass wir anderen Menschen vom Glauben erzählen und sie dazu einladen. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich die Weisheit und die Wahrheit nicht gepachtet habe, dass ich längst nicht auf alle Fragen eine Antwort habe, dass ich selbst ein ewiger Student bleibe, der immer wieder neu fragen und lernen muss, wenn mir das bewusst ist, dann werde ich demütig und bescheiden sein, wenn ich anderen von meinem Glauben erzähle. Das Weitersagen vom Glauben ist nichts, was man besserwisserisch, vom hohen Ross herab tun darf. Aber in dieser Weise, demütig, bescheiden und liebevoll, in der Weise soll es geschehen, dass wir vom Glauben erzählen und ihn weitergeben. Dazu fordert Jesus uns auf. Und da sind wir auch wieder bei dem Taufversprechen, das Sie als Eltern vorhin vor der Taufe abgegeben haben: Wo Sie versprochen haben, so gut es geht den Kindern den Glauben nahe zu bringen. - Zum Schluss ein Begebenheit, die mich berührt hat, wo Menschen sehr liebevoll ihren Glauben weitergegeben haben und so jemand eine Jüngerin geworden ist, von der man es wohl kaum erwartet hätte: Bei dem Weltjugendtreffen in Köln 2005 waren indonesische Nonnen im Kölner Rotlichtviertel untergebracht. Das muss ein Bild gewesen sein, die Nonnen in ihrer Kleidung, die durch das Rotlichtviertel marschierten.  Auf dem Weg zu den Veranstaltungen trafen sie immer wieder ein und dieselbe Prostituierte. Und sie erzählten ihr begeistert von den Veranstaltungen und von ihrem Glauben. Am letzten Tag verabschiedeten sie sich von der Prostituierten und auf einmal fingen die Nonnen an zu weinen. Die Prostituierte fragte, warum sie denn weinten. Und sie bekam zur Antwort: “Weil Du die Freude unseres Glaubens nicht teilen kannst.”  Einige Tage später rief die Prostituierte bei einem Priester an und wollte sich taufen lassen. Als der Priester fragte, wie sie dazu gekommen sei, erzählte sie von den indonesischen Nonnen und sagte am Schluss: “Noch nie vorher hat jemand um mich geweint.”

In diesem Geiste sind wir dazu berufen, Jesu Worte umzusetzen: “Geht hin in alle Welt und macht die Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende Welt.”