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Predigt über Matthäus 20, 1-16 (Pfarrer Oliver Ruoß, 07. August 2016)*

Wissen Sie, was Strabismus ist? Ca. 7% der Bevölkerung Mitteleuropas leiden darunter. Ich fürchte, tatsächlich sind es noch viel mehr Menschen. Strabismus ist der Fachausdruck fürs Schielen. Vielleicht nicht im medizinischen Sinn, aber im allgemeinsprachlichen Sinne tun wird das wohl manchmal alle: Schielen auf unsere Mitmenschen – manchmal missgünstig, manchmal neidisch, manchmal auch überheblich. 

Heute schließe ich die kleine Predigtreihe zum Thema Dankbarkeit mit einer Antidankbarkeitsgeschichte ab. Wo uns ein Negativbeispiel vor Augen führt, wie Undankbarkeit und Unglücklichsein zusammengehören. Ich lese Matthäus 20, 1-16 – das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. 

Zunächst eine Vorbemerkung: Man kann hier  ganz schnell sagen: Das ist ja völlig weltfremd. Wenn der Besitzer des Weinbergs so handelt, dann wird er am nächsten Morgen keine Arbeiter bekommen, denn die würden alle erst am späten Nachmittag auftauchen, wenn sie für eine Stunde Arbeit den gleichen Lohn bekommen. Deswegen ist wichtig, dass es am Anfang des Gleichnisses heißt: “Das Reich Gottes gleicht einem Hausherrn.” Jesus sagt mit der Geschichte etwas darüber, wie Gott mit den Menschen umgeht, nicht darüber, wie man ein Wirtschaftsunternehmen managen soll. Es geht um Theologie, nicht um Ökonomie. Allerdings gilt auch: Wenn Jesus ein Gleichnis aus dem Wirtschaftsleben erzählt, um damit etwas über das Reich Gottes deutlich zu machen, dann soll man sich schon fragen, wo Gottes Wille und Gottes Handeln auch Auswirkungen auf den Umgang miteinander haben kann,  Auswirkungen auf Wirtschaft und Sozialsysteme. Gleicher Lohn für völlig ungleiche Arbeit, das wäre nicht sinnvoll und würde nicht funktionieren. Aber ein Aspekt der Geschichte ist wohl schon auch auf Wirtschaft und Gesellschaft zu übertragen: Die Arbeiter bekommen als Lohn einen Denar – das ist das Geld, das man zum Leben an einem Tag braucht. Menschen sollen so viel verdienen für ihre Arbeit, dass sie davon dann auch leben können. Und eben nicht nur hier bei uns, sondern auch die Näherinnen in den Textilfabriken in Fernost und die Kakao- und Kaffeebauern in Lateinamerika. - Das Reich Gottes und die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse auf dieser Erde, das sind zwei Paar Schuh, in denen unterschiedliche Regeln gelten. Aber andererseits muss auch immer wieder gefragt werden, wo die Regeln des Reiches Gottes sich auch auf die “weltlichen” Gebiete auswirken. So viel als allgemeinere Vorbemerkung, jetzt zwei Gedanken zum Gleichnis selbst. Als erstes

1) Therapie gegen den Strabismus

Stellen Sie sich mal die Arbeiter vor, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Eben noch waren sie glücklich und zufrieden: in Erwartung des vereinbarten Denars, der als Lohn für diesen Tag angemessen und ausreichend ist. Und einen Moment später sind sie sauer, wütend und unglücklich. Was ist passiert? Ein akuter Fall von Strabismus, von Schielen auf das, was der andere hat. Der Weinbergbesitzer sagt es ausdrücklich so: Siehst Du scheel drein – schielst Du? Und den scheelen Blick, den haben wir wahrscheinlich alle manchmal drauf:

Da sind 2 junge Mädchen, 15 Jahre alt, Paula und Klara.  Zu Weihnachten schenke ich Paula eine CD ihrer Lieblingsband. Sie ist begeistert. Jetzt aber aufgepasst, ich schenke Klara eine Eintrittskarte für ein Konzert ihrer Lieblingsband. Paulas Begeisterung ist wie weggeblasen. Das ist doch total unfair. Paula ist sauer und unglücklich. Stellen Sie sich die beiden ein paar Jahre später vor. Beide haben Theologie studiert, sind Pfarrerinnen in der selben Kirchengemeinde geworden. Paula hält einen Gottesdienst zum Thema “Dankbarkeit”. Die Kirche ist gut gefüllt, 80 Leute sind da, und drei Leute sagen Paula hinterher, dass ihnen der Gottesdienst gut gefallen hat. Aber am Sonntag danach predigt Klara: Da sind 120 Leute da. Und Paula hört, wie hinterher 6 Leute sich bei Klara bedanken. Und Paulas Tag ist dahin: “Warum bekommt die mehr Lob und Zustimmung als ich? Das ist doch total unfair.” Es macht für für unser eigenes Wohlbefinden und für unsere Ausstrahlung nach außen einen großen Unterschied, ob wir mit der “Das ist nicht fair”-Haltung durchs Leben gehen oder mit der “Ich bin dankbar”-Haltung. Die “Das ist nicht fair-Haltung” ist die perfekte Anleitung zum Unglücklichsein, die “Ich bin dankbar”-Haltung ein Weg, um fröhlich und zufrieden durch das Leben zu gehen. Also: Wenn Sie unglücklich werden wollen, dann denken Sie zehnmal am Tag: “Das ist nicht fair.” Gründe und Anlässe dafür finden sich immer. Und wenn es das Wetter ist, das während meines Urlaubs durchwachsen war, aber sobald mein Nachbar losfährt, ist vierzehn Tage Sonnenschein. Das Schielen auf den anderen, auf das, was er hat und bekommt, das macht oftmals neidisch. Oder manchmal auch hochmütig. Beides nicht schön, weder für den anderen noch für mich. Wo wir neidisch sind auf andere, da hilft es vielleicht manchmal, zu fragen, ob man denn wirklich mit dem anderen tauschen wollte. Und zwar komplett tauschen. Nicht nur mein Hüftgold gegen Christiano Ronaldos Sixpack. Nicht nur mein Sparschwein gegen  Dagobert Ducks Tresor. Sondern komplett, das ganze Leben tauschen. Wahrscheinlich gibt es keinen Menschen auf der Welt, mit dem ich komplett tauschen wollte. Und auch die Arbeiter der ersten Stunde würden ja nicht wirklich komplett tauschen wollen mit denen der letzten Stunde. Denn sie hatten denen gegenüber ja einen Riesenvorteil: Sie wussten von Anfang an, dass sie einen ordentlichen Lohn nach Hause bringen würden. Sicher, sie haben geschuftet und geschwitzt, aber sie haben den Tag in der Gewissheit verbracht, dass sie versorgt sind. Die anderen haben weniger geschwitzt. Aber fast bis zuletzt mussten sie mit dem Bewusstsein leben: “Mich hat keiner gewollt. Und meine Familie muss hungern.”

Eine Frau, die dieses Gleichnis hörte, sagte hinterher ganz empört: “Da könnte ich also mein ganzes Leben als Prostituierte verbringen und wenn ich dann am Ende des Lebens zu Gott finde, dann würde ich genau so von ihm angenommen wie jetzt, wo ich von Jugend auf in der Gemeinde mitarbeite? Das ist ja total unfair.” Aber diese Frau würde doch nicht ernsthaft ihr Leben tauschen wollen gegen das Leben einer Prostituierten, die dann nach vielen Jahren zum Glauben findet und ihr Leben ändert. Eigentlich hat diese Frau doch allen Grund dafür, froh und dankbar zu sein, dass ihr Leben in geordneten Bahnen verläuft und sie von Anfang an die Beziehung zu Gott hat. 

Gegen den scheelen Blick hilft, einen dankbaren Blick zu entwickeln, auf das, was mir gegeben ist. Bildlich gesprochen  tragen wir immer zwei kleine Männchen auf unseren Schultern. Das eine raunt von links ins Ohr: “Hey, schau, der hat aber  viel mehr als du. Hey, das ist unfair. ” Und das andere Männchen raunt von rechts ins Ohr: “Schau mal, wie toll ist das denn: Gleich gibt es lecker Mittagessen.  Hey, klasse, hier im Gottesdienst begegnen mir so viele nette Leute. Vorhin, nach stundenlangem Regen, ist die Sonne rausgekommen. Und sie war wunderschön golden.”  Beide Männchen auf meinen Schultern reden – ständig.  Aber ich entscheide, wem ich zuhöre, wen ich meine Gedanken und meine Gefühle bestimmen lasse. Dankbarkeit hängt nicht so sehr an den Umständen – ich kann auch in den schönsten Situationen noch das Haar in der Suppe finden. Oder in den dunklen Momenten den Lichtstrahl. Dankbarkeit ist ganz stark eine Entscheidung. Ich fälle diese Entscheidung nicht einmal und bin fortan ein stets dankbarer Mensch. Ich fälle sie jeden Tag neu. Ständig. Und mit jeder Entscheidung zu Gunsten der Dankbarkeit beginne ich mein Leben anders zu sehen. Und das Schielen abzustellen. - Versuchen Sie vielleicht doch mal,  jeden Abend, egal wie der Tag war,  auf mindestens 5 Dinge zu kommen, für die Sie Gott danken können. Das muss nichts Großes sein. Ein Lächeln, ein Sonnenstrahl, ein leckeres Essen, was auch immer. Denn Danken ist etwas  Freimachendes und Aufbauendes. Eine wirksame Therapie gegen Strabismus.

2) Lohn und Gnade

Ein Pfarrer will sich einen Hühnerstall bauen. Ein Konfirmand hilft ihm. Als der Stall fertig ist, bedankt sich der Pfarrer bei dem Konfirmanden und gibt ihm einen Briefumschlag.  Zuhause macht der Junge voll Erwartung den Umschlag auf, aber es ist nur ein Zettel drin mit dem Satz: ”Du bist Gottes Sohn, du brauchst keinen Lohn.” Am nächsten Tag geht der Pfarrer zum Hühnerstall, freut sich auf das Frühstücksei. Aber das Tor steht offen, kein Huhn mehr da. Stattdessen liegt da ein Zettel, auf dem steht: “Du bist Gottes Diener, du brauchst keine Hühner.”

Der war ja schon fies, der Pfarrer. Trotzdem will ich etwas zu seiner Ehrenrettung sagen. Eins stimmt nämlich tatsächlich: Wenn wir Gotttes Söhne und Töchter sind, wenn wir seine Kinder sind, dann geht es jedenfalls in Bezug auf Gott nicht um Lohn, nicht um das, was wir verdienen, sondern um Geschenk und Gnade. Die Arbeiter der ersten Stunde fühlen sich ungerecht behandelt. Ganz grundsätzlich stellt das Gleichnis die Frage, was denn überhaupt Gerechtigkeit bedeutet. Das typische Symbol für Gerechtigkeit ist die Waage, deswegen befindet sich oft an Gerichtsgebäuden eine Waage. Gerechtigkeit ist nach diesem Verständnis dann gegeben, wenn sich beide Waagschalen auf gleicher Höhe befinden, wenn sie im Gleichgewicht sind. Jemand hat etwas Böses getan. Und er bekommt eine entsprechende Strafe. Und genau so, wenn ich etwas Gutes getan habe, dann ist es nur gerecht, wenn ich auch genau so viel Gutes zurückbekomme. Den gerechten Lohn für meine Mühe. Nach diesem Verständnis ist der Besitzer des Weinbergs ungerecht, denn die Waagschalen sind nicht im Lot: Wenn man in die eine Waagschale 12 Stunden Arbeit wirft und dem ein Lohn von einem Denar in der anderen Waagschale entspricht, dann kann es doch nicht sein, dass eine einzige Stunde Arbeit genau so einem Denar entspricht. Wenn ich unter Gerechtigkeit verstehe, dass die Waagschalen im Lot sind, dass Strafe der Schuld und Lohn der Arbeit entspricht, dann ist der Besitzer des Weinbergs ungerecht. Gerechtigkeit Gottes meint in der Bibel aber etwas anderes: Vielleicht kann man Gottes Gerechtigkeit am besten so umschreiben: Er wird uns gerecht. Wenn jemand mir gerecht wird, dann meint das ja nicht: Er gibt mir genau das, was ich verdient habe. Sondern: er gibt mir das, was ich nötig habe, was ich brauche. 

Nach der Waagschalenmentalität hätten die letzten Arbeiter ein Zwölftel eines Denares bekommen. Dann wären die Waagschalen im Lot  -  und diese Arbeiter würden verhungern. Denn ein Denar ist ja das, was man für einen Tag zum Leben brauchte. Und das gibt der Herr ihnen – er wird ihnen gerecht. Gottes Liebe, Gottes Güte, dass wir seine Kinder sein dürfen – das ist das, was wir brauchen, aber uns nicht verdienen könnten. Die Waagschalen wären bei uns nie ausgeglichen. Gottes Liebe, Gottes Güte, dass wir seine Kinder sein dürfen – das bekommen wir unverdientermaßen. Weil Gott uns gerecht wird, weil er uns  gibt, was wir brauchen. Die Arbeiter, die sich am Ende beschweren, sie stehen für die Pharisäer und Gesetzeslehrer, für die, die sich darüber aufregen, dass Jesus Zöllner und Sünder annimmt, dass er Menschen Gottes Güte schenkt, die sie doch gar nicht verdient haben. Und sie übersehen dabei völlig, dass auch das eine unverdiente Gnade ist, dass der Weinbergbesitzer sie selbst in den Dienst genommen hat.   -  Zwei Mönche waren in Streit miteinander hatten, jeder fühlt sich im Recht. Schließlich tragen sie dem Abt ihre Sache vor und bitten ihn, für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Abt möchte eine Nacht Bedenkzeit und gibt den Mönchen am nächsten Morgen seine Antwort: “Gerechtigkeit gibt es nur in der Hölle, im Himmel regiert die Barmherzigkeit!”  -   Gut, dass Gott bei uns nicht die Waagschalen anwendet, sondern barmherzig ist. Und vielleicht sollten wir auch im Umgang miteinander manchmal weniger auf Gerechtigkeit pochen, und stattdessen barmherziger sein. Amen

 

*Wertvolle Anregungen für diese Predigt habe ich durch eine Predigt von Pfarrerin Anke Wedekind erhalten