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Predigt über Hebräer 13, 14 (Pfr. O. Ruoß 8.07. 2016 – Gottesdienst zur Verabschiedung von Jugendleiter Matthias Fritz)

 

Abschiednehmen ist doof. Scheiden tut weh. Partir, c'est mourir un peu. Abschied nehmen bedeutet immer ein wenig sterben. Dein Abschied, lieber Fritzi, steht auch exemplarisch dafür, dass Abschiede zum Leben dazu gehören. Als Predigttext habe ich einen Bibelvers ausgesucht, der in den letzten drei Jahren, wo es in unserer Gemeinde ja ziemlich viele Abschiede gab, der immer wieder angeklungen ist.  Hebräer 13, 14: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” 

Wenn ich ein Bild zu diesem Vers malen würde, dann würde ich eine Karawane malen: Menschen, die gemeinsam auf dem Weg sind. Irgendwo am Rande des Weges haben sie eine Reihe Zelte aufgeschlagen, in denen sie übernachten. Das Ziel des Weges ist nicht klar zu erkennen, aber am Horizont, am Ende des Weges wird es ganz hell. Ein Bild zum Bibeltext, ein Bild für unsere Lebensreise. 3 Gedanken dazu.

 

1) Unterwegs mit leichtem Rucksack 

Ein Wanderer will in einem Kloster übernachten. Als ein Mönch ihm die spärlich  eingerichteten Zimmer zeigt, fragt  der Wanderer: “Wo habt ihr denn eure Möbel?” Der Mönch lächelt und fragt zurück: “Was ist denn mit dir? Hast du nur diesen Rucksack bei dir – und sonst nichts? – Wo sind denn deine Möbel?” "Aber ich bin doch auf der Durchreise, wozu brauche ich denn Möbel?” “Siehst du”, erklärt ihm der Mönch, “genauso geht es uns. Wir sind hier auch auf der Durchreise”. - Wir sind auf der Durchreise. Denn "Wir haben hier keine bleibende Stadt": Jeder Schulwechsel, jeder Berufswechsel, jeder Umzug, jeder Todesfall, jeder Abschied führt uns das vor Augen. Wir haben hier keine bleibende Stadt, wir sind auf der Durchreise. Und deswegen ist es wichtig, zu überlegen, was wir auf dieser Reise mitschleppen, was wir in den Rucksack unserer Lebensreise hineinpacken und was wir besser rauswerfen, weil es uns zu sehr beschweren und belasten würde. - Ich habe diese Begebenheit an anderer Stelle schon ma erzählt, aber hier noch mal:  Ein Mann lag im Sterben. Da ließ er seinen alten Freund Brown kommen, mit dem er in erbittertem Streit lag. Die beiden hatten seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Er erzählte seinem Freund Brown, dass er bald sterben würde und wie lächerlich ihr Streit angesichts des bevorstehenden Todes war. Und er fragte, ob sie sich wieder versöhnen wollten. Brown ergriff die Hände des Mannes und umarmte ihn. Dann wandte er sich um, um ganz betrübt das Zimmer seines Freundes zu verlassen. Dem kommt aber noch ein letzter Gedanke, er ruft  hinterher: “Aber Brown, falls ich wieder gesund werde, bleibt der Streit natürlich bestehen!”  - Eigentlich ist das ja gar nicht witzig, sondern zutiefst traurig. Wie oft tragen wir anderen Menschen Jahre, jahrzehntelang etwas nach? Wie lang schleppen wir uns ab mit Groll und Hass? Diese schweren Steine aus unserem Lebensrucksack zu nehmen, das meint das Wort Vergebung, zu der Jesus uns auffordert. Anderen vergeben, dem anderen nichts mehr nachtragen, das heißt, sich selbst erleichtern, Steine aus seinem Rucksack nehmen. Ich hoffe,  dass in den Jahren in unserer Gemeinde hier nicht viele solchen Steine in deinem Rucksack gelandet sind. Und wo es doch den einen oder anderen Stein gab, dass Du ihn hinter dir lassen kannst. Dass wir alle die schweren Steine von Groll, vielleicht sogar Hass aus unserem Lebensrucksack nehmen und uns nicht damit abschleppen und belasten. Das christliche Geschenk der Vergebung und die christliche Einladung zum Vergeben sind etwas, was uns erleichtern kann. Und es ist gut, wenn wir unsern Rucksack mit etwas anderem füllen. Statt mit schweren Steinen gewissermaßen mit Heliumballons füllen, die uns nach oben ziehen, die es uns leichter machen. Die Heliumballons  für unser Leben sind der Dank: Dank für viel Gutes, für viele schöne und gute Begegnungen und Erfahrungen, die Du, Fritzi, hier in Werden haben durftest. Und die wir mit Dir haben durften. Dank auch für vieles, was in diesen Jahren hier in der Gemeinde und in der Jugendarbeit gut geklappt hat. Ich wünsche Dir, ich wünsche uns allen, dass wir manchmal innehalten und ganz bewusst unsere Lebensrucksäcke mit den Heliumballons des Dankes füllen.  Dank anderen Menschen gegenüber. Aber auch Dank Gott gegenüber. In die Einladung zu diesem Tag hast Du Psalm 9,2 gesetzt: “Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder.” Das ist  eins der großen Privilegien des Glaubens: Dass wir als Christinnen und Christen eine Adresse haben für unseren Dank, auch für den grundsätzlichen Dank für unser Leben. Lob und Dank, etwas, was unser Herz und unseren Lebensrucksack füllen und leicht machen kann. Unterwegs mit leichtem Gepäck, das ist das erste, ein zweites:

 

2) Mit Zelt unterwegs

In meinem imaginären Bild zum Bibelvers vorhin war die Rede von Zelten, in denen die Menschen übernachten können, in denen sie Geborgenheit und Wärme finden. Das ist ja ganz passend: Eine Deiner letzten Aktionen hier in der Jugendarbeit war die Zeltübernachtung am vergangenen Wochenende.

Ich weiß nicht, wer von Euch und von Ihnen schon mal den Nevigeser Dom besucht hat.  Ein moderner Kirchbau aus den 70er Jahren. Ich finde ihn nicht schön, aber interessant: Wenn man von oben drauf guckt – also, am besten mal einen Hubschrauberrundflug drüber machen – wenn man von oben drauf guckt, dann sieht man, dass diese Kirche in der Form eines Zeltes gebaut worden ist. Kirche nicht als festes Haus, stabil und unverrückbar gebaut, sondern ein Zelt: Ein Ort, wo man sich geborgen fühlen kann, aber wo etwas in Bewegung ist, flexibel, dynamisch, man ist unterwegs. Veränderungen sind möglich. -  Da hatte ein Pfarrer in einer Gemeinde manches verändert, manches anders gemacht als sein Vorgänger. Ein altes Gemeindemitglied, dem das gar nicht passte, sprach ihn eines Tages an und sagte: "Wenn Jesus heute noch leben würde, dem würde der ganze neumodische Kram bestimmt auch nicht gefallen." Dem Mann ist gar nicht aufgefallen, dass er mit seiner Aussage gerade die Grundlage des christlichen Glaubens abgelehnt hatte. Weil Jesus heute noch lebt, deswegen sind Veränderungen, deswegen ist Bewegung möglich und nötig. Nicht, um sich dem Zeitgeist anzupassen, um als Kirche krampfhaft zu versuchen, modern zu sein und es allen recht zu machen. Sondern weil Jesus unterwegs war zu den Menschen, weil Jesus unterwegs ist zu den Menschen. Deswegen ist das Zelt ein gutes Bild für Kirche und Gemeinde. Unterwegs sein, hin zu den Menschen und mit den Menschen. Ich wünsche Dir, dass Du an Deiner neuen Wirkungsstätte die Freiheiten haben wirst, Dinge auch noch mal ganz anders zu machen, zu gucken, zu suchen, auszuprobieren, was heute möglich und nötig ist, um Jugendliche zu begleiten und ihnen etwas vom Glauben zu vermitteln. Und ich hoffe, dass Dein Nachfolger hier nicht zu oft – ab und an ist o.k., aber nicht zu oft den Satz zu hören bekommt: “Fritzi hat das aber so gemacht.” Sondern genau so in großer Freiheit die Wege sucht, die in eine gute Zukunft führen.  Mit dem Zelt unterwegs, denn "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." Diesen Satz kann man ja auch sehr weltverneinend verstehen, als ob das Leben hier gar nicht wichtig wäre, da ja doch alles vergänglich ist.  Aber im übernächsten Vers heißt es dann: "Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen." Also nicht Weltflucht, nicht Abwendung, sondern Hinwendung. Unterwegs sein zu anderen Menschen hin, um ihnen Gutes zu tun. Gutes tun durch konkrete Hilfe und Unterstützung. Und Gutes tun durch die Weitergabe des Evangeliums, was ja "Gute Nachricht" bedeutet. Vor einiger Zeit habe ich eine ganz kurze Zusammenfassung dieser Guten Nachricht gehört, ein Satz, den ich uns weitergeben möchte:  "Du bist ein Wunsch, den Gott sich selbst erfüllt hat." "Du bist ein Wunsch, den Gott sich selbst erfüllt hat." Das ist eine gute, eine heilsame Botschaft, eine Botschaft, die wir seit Jesus und wegen Jesus glauben können. - An der Stelle packe ich jetzt schon mal ein kleines Geschenk für Dich aus: Das ist keine eingelaufene Unterhose. Sondern ein Bäffchen: Dein erstes eigenes Bäffchen – jetzt musst Du nicht mehr meins benutzen, wenn Du in den kirchlichen Kampfanzug, in den Talar schlüpfst. Auch das hat zu Deiner Werdener Zeit gehört: Deine Ausbildung zum Prädikanten, Deine Ordination im vergangenen Jahr hier zum Prädikanten, zu einem, der auch ganz offiziell dazu bestellt ist, das Evangelium zu verkünden.

Unterwegs sein in einem Zelt, wie Jesus unterwegs sein zu den Menschen. Einen Gedanken möchte ich noch ergänzen in Bezug auf die Zelte. In meinem Bild sind es viele Zelte, die da nebeneinander stehen. Die letzten Jahre hast Du hier in diesem Zelt gelebt und gearbeitet, jetzt ziehst Du um in ein anderes Zelt. Und ich hoffe, dass Du in Zukunft als Gast manches Mal wieder in dieses schöne Zelt hier kommen wirst. Vielleicht ja auch mal mit diesem schicken Bäffchen um den Hals als Gastprediger.   Die Zelte sind ja nicht so weit auseinander, und das wichtigste ist: Diese Zelte gehören zur gleichen Karawane, die unterwegs ist zum gemeinsamen Ziel. Und das ist der kurze 3. Gedanke.

 

3.) Unterwegs zum Ziel

Da wird ein Junge gefragt, was er später werden möchte. Die Antwort ist überraschend: Nicht Lokomotivführer oder Bundeskanzler oder Mittelstürmer bei Bayern München. Auch nicht Jugendleiter. Auf die Frage, was er mal werden möchte, hat dieser Junge geantwortet: "Ich möchte selig werden." Eine ganz ungewöhnliche Antwort. In früheren Zeiten hat Kirche das den Menschen sehr stark vermittelt: Eigentlich kommt es nur darauf an, selig zu werden, in den Himmel zu kommen, das Leben hier auf der Erde ist völlig unwichtig. Heute haben wir das andere Extrem, dass der Himmel meist gar keine Rolle mehr spielt. Extreme sind fast immer falsch. Diese Welt ist nicht unwichtig, als Christinnen und Christen sind wir aufgefordert, uns anderen Menschen zuzuwenden, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Und uns zu freuen über das Gute, das wir selbst erfahren, so dass wir eine große Portion Dankbarkeit in unserem Lebensrucksack tragen. Aber es ist weise, wenn wir uns zumindest manchmal bewusst machen, dass wir auf der Durchreise sind und hier keine bleibende Stadt haben. Und dass es eine entscheidende Frage ist, ob unsere Wanderung, unsere Lebensreise ein Ziel hat. In meinem Bild habe ich das Ziel nicht genauer gemalt. Das kann ich nicht, das können wir alle nicht. Aber in meinem Bild wird es am Horizont, am Ende des Weges ganz hell. Weil das die Hoffnung ist, die wir als Christinnen und Christen haben: Dass am Ende des Weges Gott steht, dass Christus dort steht, der das Licht der Welt ist. Dass es nach den vielen, manchmal auch sehr traurigen Abschieden auf unseren Lebenswegen ein fröhliches Ankommen und Wiedersehen gibt. Hans Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe gegen die Nazis "Weiße Rose",  hat 2 Tage vor seiner Verhaftung geschrieben, was christliches Leben für ihn ist: "La vie c´est une grande aventure vers la lumiere." "Das Leben ist ein großes Abenteuer hin zum Licht."  Amen