logo

Evangelische Kirchengemeinde Werden

logo

Impressum

Home

Gottesdienste

Gottesdienste aktuell

Seelsorger

Predigten zum Nachlesen

Predigten zum Nachhören

Kindergottesdienst

Krabbelgottesdienst

Kinderbetreuung

Friedensgebet

Kirchencafé

Predigt über Lukas 17, 11-19 (Pfrarrer Oliver Ruoß, 26. Juni 2016)

Wissen Sie, welches Jahr wir haben? Das Jahr 2016, natürlich. Im chinesischen Kalender das Jahr des Affen. Aber worauf ich hinaus will: Wir haben das “Jahr der Dankbarkeit”. Unterschiedliche christliche Gruppierungen haben dieses Jahr 2016 zum Jahr der Dankbarkeit erklärt: Ein Jahr, in dem dem Thema Dankbarkeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Ich fand das einen guten und wichtigen Gedanken und möchte ihn aufgreifen, in dem ich eine kleine Predigtreihe zum Thema “Dankbarkeit” mache.  Mit dem Wunsch, dass das “Jahr der Dankbarkeit” uns zum “Ja der Dankbarkeit” hilft: Denn Dankbarkeit ist eine ganz lebensbejahende und lebensfördernde Haltung. Ich beginne diese Predigtreihe gerade heute auch deswegen, weil uns in diesem Gottesdienst das Thema Dankbarkeit quasi vorgegeben ist: In diesem Gottesdienst wird Sybille Schlimm aus Ihrer beruflichen Tätigkeit als Gemeindesekretärin unserer Gemeinde verabschiedet – ein Anlass, ganz ausdrücklich Danke zu sagen und das Thema Dankbarkeit in den Blick zu rücken. Als Predigttext lese ich eine recht bekannte Geschichte aus dem Lukasevangelium: Die Geschichte von der Heilung der 10 Aussätzigen aus Lukas 17, 11-19.

Die Geschichte ist in ihrem Verlauf ja klar und eindeutig. Da sind die zehn aussätzigen, und als solche, wegen ihrer Krankheit dann auch ausgestoßenen, sozial isolierten Männer. Aus Angst vor Ansteckung mussten sie außerhalb des Dorfes leben, mussten andere mit dem lauten Ruf “aussätzig, aussätzig” davor warnen, ihnen zu nahe zu kommen. Sie bitten Jesus um sein Erbarmen: “Lieber Meister, erbarme dich.”Und Jesus erbarmt sich. Er heilt sie nicht an Ort und Stelle, sondern schickt sie auf einen Weg. Zeigt euch den Priestern, die quasi das Gesundheitsamt damals waren. Und als sie losgehen, Vertrauen wagen, diesen Wege gehen, da werden sie unterwegs gesund. So weit, so schön. Aber dann das Ende: Nur einer, der zurückkommt, und Jesus dankt. Und auffälliger Weise ist das ein Samariter, einer, der nach dem jüdischen Verständnis damals ein Ketzer war. Er kommt zurück und dankt Jesus.

In den Heilungsgeschichten in den Evangelien geht es nicht nur um die Menschen, die damals körperlich krank waren und geheilt wurden, sondern auch um uns. Sonst wäre es ja nur mehr oder minder spannende Erzählungen, wo man sich vielleicht noch fragt, ob das wirklich so stattgefunden hat, aber selbst wenn: Was hätte das mit uns tun? Ich kann und soll mich mit den Aussätzigen damals identifizieren: Weil ich das ja auch kenne, dass ich mich manchmal isoliert fühle, ausgegrenzt, nicht dazugehörig, auf Distanz gehalten, oder mich selbst distanzierend. Und dann kann es auch mein Ruf sein: Herr, erbarme dich: Schenk mir die Erfahrung von Nähe, von Angenommensein. Heile mein wundes, mein trauriges, mein einsames Herz. Ich kann mich schon - ein wenig zumindest - in den Aussätzigen wieder entdecken. Und ich fühle mich angesprochen von der Frage, die diese Geschichte stellt: Wie sieht es in meinem Leben mit der Dankbarkeit Gott gegenüber aus? Drei Gedanken dazu:

1.) Grund zur Dankbarkeit

Die Geheilten hatten allen Grund, dankbar zu sein. Das ist ja ganz offensichtlich: Sie hatten Jesus um sein Erbarmen gebeten, und er hat diese Bitte erhört, er hat ihnen ihr Leben ganz neu geschenkt. Dankbarkeit wäre eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn wohl kaum einer von uns  Gottes Wirken, sein Handeln und Helfen so drastisch, so klar und eindeutig gespürt wie diese Männer, bin ich davon überzeugt Auch wir haben allen Grund zur Dankbarkeit. Anderen Menschen gegenüber und Gott gegenüber. Und es ist gut und wichtig, wenn wir das viele Gute in unserem Leben nicht als selbstverständlich ansehen. Ich lese den Brief eine Studentin an ihre Eltern vor:

“Liebe Mama, lieber Papa, ich habe euch viel zu berichten: Wegen des Feuers, das in Folge der Studentenunruhen im Wohnheim ausbrach, erlitt ich einen heftigen Lungenschaden und  musste ins Krankenhaus. Dort verliebte ich mich in einen der Pfleger. Wir sind inzwischen zusammengezogen. Als ich merkte, dass ich schwanger bin, habe ich das Studium abgebrochen. Mein Freund wurde wegen Trunkenheit und Drogenkonsum entlassen. Deswegen werden wir jetzt nach Alaska auswandern und nach der Geburt des Kindes vielleicht heiraten. Herzliche Grüße, Eure euch liebende Tochter

P.S.: Nichts davon ist wirklich passiert. Aber ich habe meine Chemieklausur verhauen und ich wollte, dass ihr das in der richtigen Perspektive seht.

Die Dinge in der richtigen Perspektive sehen – darauf kommt es an. Es passiert mir so leicht, dass ich wegen irgendwelcher Kleinigkeiten total unzufrieden bin. Und dass ich die vielen Dinge, die mir geschenkt sind, dass ich die übersehe und nicht beachte und wertschätze. Und dass ich deswegen eben oft nicht von Dankbarkeit geprägt bin, sondern von Unzufriedenheit. Und dass ich im Gespräch mit anderen Menschen oft rumnörgele. Und dass ich auch Gott gegenüber - wenn überhaupt – viel mehr klage als danke. Natürlich hat auch das Klagen, manchmal auch sehr massiv seine Berechtigung. Aber es stimmt auch: Ich habe viel mehr Grund zur Dankbarkeit, als dass ich wirklich dankbar bin. Oftmals entdecke ich mich viel mehr in den 9 Geheilten wieder, nicht in dem einen. Und das ist sehr schade. Denn die Dankbarkeit bereichert das eigene Leben. Und das ist der zweite Gedanke:

 2.) Der Reichtum der Dankbarkeit

Jesus wundert sich, dass nur einer der zehn zurückgekommen ist, Gott lobt und ihm dankt. Und in diesem sich Wundern steckt  eine deutliche Kritik an der fehlenden Dankbarkeit. Nun ist das sicher kein Beleidigtsein, wie Tante Erna beleidigt ist, als die kleine Paula ihr Weihnachtsgeschenk auspackt und der kratzige, selbstgestrickte Pullunder von Tante Erna keine Begeisterungsschreie auslöst. In der Geschichte wird auch nicht erzählt, dass die undankbaren Neun bestraft werden, etwa dadurch, dass die Krankheit zurückkehrt, nach dem Motto: “Ihr ward der Heilung gar nicht würdig”. Wenn mit dieser Geschichte und an anderen Stellen in der Bibel zur Dankbarkeit aufgerufen wird, dann geht es nicht in 1. Linie um eine Verpflichtung, sondern um eine Gelegenheit: Um die Gelegenheit, dass die Beziehung zu Gott dadurch wachsen kann. Darum geht es gleich im dritten Punkt. Und um eine Gelegenheit, dass das eigene Leben heller und erfüllter wird. Paulus sagt einmal (1 Thess 5,18): “Seid dankbar in allen Dingen.” Wohlgemerkt, da steht nicht: Seid dankbar für alle Dinge: Es gibt Dinge, wo man allen Grund hat, darüber traurig, enttäuscht oder auch zornig zu sein. Seid dankbar in allen Dingen, das heißt: Sucht in allen Situationen das, was gut ist, und lasst euch nicht in eurer Wahrnehmung, in Eurem Denken und Fühlen von dem Negativen absorbieren. Sucht das Gute und Dankenswerte. Ich las von einem Mann, dessen Verhalten mich beeindruckt hat: Als er in seinem Betrieb die Kündigung erhalten hat, schrieb er einen Brief an seinen ehemaligen Chef: Völlig überraschend, völlig unerwartet: Einen Dankesbrief. Er bedankte sich für die schöne Zeit, die er in dem Betrieb hatte, für die gute Zusammenarbeit und für all die Dinge, der er lernen durfte. Er hat auch in einer ganz schwierigen Situation die Dinge nicht vergessen, die gut waren. Sondern sie hervorgeholt und ihnen Ausdruck gegeben.

Dieses umgesetzte “Seid dankbar in allen Ding” hat ihn davor bewahrt, von Wut und Frustration aufgefressen zu werden. Und es brachte ihm Jahre später, als er schon längst für eine andere Firma arbeitete, ein neues Jobangebot seines alten Arbeitgebers ein. Weil den dieses ungewöhnlich Verhalten berührt hat. Nochmals: Es geht nicht darum, alles rosarot zu färben und das Negative auszublenden oder zu übertünchen.  Zorn, Enttäuschung, Trauer haben auch ihren Raum und ihren Ort. Aber wo sie zu lange und zu viel Raum einnehmen, da machen sie mein Leben eng und arm. Und das Gegenmittel ist die Dankbarkeit.

Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder hat einmal gesagt: “Wir können nur in den Augenblicken wirklich lebendig genannt werden, da unsere Herzen sich unseres Schatzes bewusst sind.” Der biblische Aufruf zu Dankbarkeit, ist nicht so sehr Verpflichtung, sondern Gelegenheit: Die neun, die nicht zu Jesus zurückkehren, verpassen diese Gelegenheit, die Gelegenheit, den ihnen geschenkten Reichtum des Lebens sich ganz bewusst zu machen. Und sie verpassen die Gelegenheit, in Kontakt zu kommen mit dem, der sie so reich beschenkt hat. Und das ist noch der 3. Gedanke:

3.) Geber und Gabe

Eine der frustrierendsten Erfahrungen meines Lebens war, als unsere Tochter Lisa 5 Jahre alt war und ihre gleichaltrige Freundin zu Besuch war. Ich habe den beiden eine kleine Tüte Gummibärchen geholt. Die Freundin sieht, wie ich die Gummibärchen bringe, und sie ruft laut: “Guck mal, da kommen Gummibärchen.” Das Mädchen hatte nur Augen für Gummibärchen, für die Gaben. Der spendable Gummibärchengeber wurde gar nicht beachtet. Nun, ich habe das irgendwie verwunden, aber hier zeigt sich ein grundsätzliches Phänomen: Dass man oftmals nur die Gaben sieht und beachtet und den Geber übersieht. Das passiert in unserem zwischenmenschlichen Miteinander, leider auch in christlicher Gemeinde: dass Menschen den Eindruck gewinnen: Mein Engagement, meine Mitarbeit sind gefragt: Aber für mich als Person interessiert sich keiner. Und wenn ich vielleicht nichts mehr leiste und einbringe, dann bin ich schnell vergessen. Wenn wir uns an Jesus und seinem Umgang mit den Menschen orientieren, dann ist das anders: dann zählen nicht nur die Leistungen, sondern die Person. Und die Person ist und bleibt wertvoll, auch wenn die Leistungen ausfallen. 

Dass man oftmals nur die Gaben sieht und beachtet und den Geber übersieht, das passiert in unserem menschlichen Miteinander. Das passiert ganz oft auch Gott gegenüber. Unser tägliches Brot, Gesundheit, Bewahrung, Vergebung, eine Hoffnung über den Tod hinaus, einen Sinn für das Leben – das erwarten Menschen  von Gott, das erbitten wir von ihm.

Echte Dankbarkeit Gott gegenüber meint: Nicht nur diese Seine Gaben sind mir wichtig, sondern ich sehe in ihnen Zeichen Seiner Liebe. Und das ist das Entscheidende, die eigentliche Gabe: Seine Nähe, seine Zuwendung, Er selbst. Darum geht es in der Geschichte von den Aussätzigen. Alle bekommen ein riesiges Geschenk, alle werden gesund, alle freuen sich riesig. Aber nur einer denkt an den, von dem er dieses Geschenk bekommen hat. Die 9 anderen sind nicht etwas unhöflich und haben dummerweise das “Dankesagen” vergessen. Die 9 haben den Geber des Geschenkes vergessen, haben Gott, haben Jesus vergessen. Und damit verpassen sie etwas, was für ihr Leben genau so wichtig wäre wie die Gesundheit.

Ein Missionar in Indien behandelte und heilte viele Menschen, die an einer schweren Augenkrankheit litten. Er erzählte:  ”Sie sagten mir nie danke. Danke ist nicht ein Wort in ihrem Dialekt. Doch sie sagten ein Wort das meint ’Ich werde erzählen von deinem Namen.’

Dankbarkeit bedeutet, dass der Geber mir wichtig wird und nicht nur seine Gabe. Ich werde erzählen von deinem Namen.

Der eine Aussätzige, der zu Jesus zurückkommt, der hat hinterher viel mehr als die anderen. Gesund geworden sind sie alle. Aber der eine hat ganz neu einen Kontakt, eine Beziehung zu Gott gewonnen. Jesus ist in seinem Leben wichtig geworden. Und dadurch ist sein Leben reich geworden. Und wird unseres hoffentlich auch. Amen